Mikrobenzirkus

Von Mikroben und Menschen


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Micropia: Besuch im Mikrobenzoo in Amsterdam

MicropiaZwei Jahre ist es schon her, dass ich hier im Blog über Micropia ‑ den ersten Mikrobenzoo ‑ in Amsterdam berichtet habe. Ende Mai 2017 hatte ich nun endlich Gelegenheit, mir dieses Eldorado für Mikrobiologen selbst vor Ort anzuschauen: sozusagen ein Recherchetermin mit Familie mit zwei Teenagern (18 und 15 Jahre) für den Mikrobenzirkus in Amsterdam.

Micropia ist eine kleine aber feine Untereinheit des Stadtzoos Artis mitten in Amsterdam. Vom Bahnhof Amsterdam Centraal ist der Zoo ganz einfach mit der Tramlinie 9 zu erreichen ‑ wunderschön gelegen im Stadtteil Plantage.

Wir werden empfangen von freundlichen Besucher-Guides in weißen Laborkitteln, die uns die Tour durch das Museum und ein paar Kindern eine Art Stempel-Rally erklären. Dann geht es schon ab in den Fahrstuhl zur ersten Ebene des Museums. Dieser Einstieg durch eine Schleuse in den Mikrokosmos ist sehr gut gemacht. An der Decke des Fahrstuhls sehen wir uns auf einer Videowall zuerst selbst in voller Größe. Dann zoomt das Kamerabild über unseren Köpfen an das Auge eines Besuchers im Lift heran und zeigt uns die Mikroorganismen, die für gewöhnlich auf unseren Wimpern leben. Guter Effekt!

Aufwändige multimediale Exponate

Micropia ist wirklich ein einzigartiges und sehr aufwändiges Museum. Das Sehen und das Erleben der Mikroorganismen stehen für das Publikum im Mittelpunkt.

 

Sehr aufwändig inszeniert sind die meisten Exponate mit lebenden Mikroorganismen z. B. Bakterien oder Algen in großen Kolben, die regelmäßig erneuert werden müssen. Gleichzeitig kann man selbst Mikroskopieren und über einen Touchscreen den Mikroskop-Ausschnitt sehen. Je nach Interessenstiefe können wir die mediale Erweiterung der Exponate durchforsten, die mittels Filmen, Bildern und Texten Einblick in das Aussehen, Verhalten und die vielfältigen Beziehungen der Kleinstlebewesen zum Menschen gibt. Das funktioniert auch prima für die Eltern mit jüngeren Kindern neben uns.

Die Einzigartigkeit von Micropia liegt in der Mischung lebender und virtueller Mikroben. Die dramatischen Größenunterschiede zwischen den verschiedensten Kleinstlebewesen kann man auf einer fast 10 x 5 Meter großen, reaktiven Monitorwand erkennen, auf der die Mikroben wie in einem Aquarium schweben. In dem interaktiven Panorama mit extremophilen Mikroorganismen erleben wir Mikroben an Orten, die extreme Lebensbedingungen wie hohe Radioaktivität oder Kälte mit sich bringen. Die virtuellen Mikroorganismen schweben dank einer speziellen Projektionstechnik vor dynamischen 3D-Landschaften. Faszinierend!

Im Fokus: Positive Beziehung zwischen Mikroben und Menschen

Uns selbst und unseren Mikroben begegnen wir in der Ausstellung immer wieder. Am überraschendsten ist für die meisten Besucher in der Ausstellung der „Mikroben-Scan“ des eigenen Körpers, bei der sie interaktiv ihren Körper erforschen können. Ich trete sozusagen meinem virtuellen Ich gegenüber und kann die durchschnittliche Masse von zwei Kilogramm an Mikroben erforschen, die an und auf mir an unterschiedlichen Stellen meines Körpers leben. Die Technologie, die hierbei zum Einsatz kommt, ist ein hochentwickeltes Körpertracking.

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Körper-Scan auf Mikroben (S. Thiele)

 

Neben den Mikroben stehen immer wieder wir selbst im Zentrum der Ausstellung – und das auf mehreren Ebenen: als Betrachter, als interaktiv Handelnde und Forschende, und als Objekte, die es selbst zu erforschen gilt.

Sei es das „Kiss-o-meter“, bei dem wir erfahren, dass wir gerade 1 Million Bakterien und 100 verschiedene Typen ausgetauscht haben ;-). Oder eine beeindruckende Sammlung unterschiedlicher Kotsorten und Bakterien, die unseren Darm bewohnen.

Sehr beeindruckt hat mich persönlich eine ganze Wand voller Petrischalen mit Mikroben: Sie zeigt eine Vielzahl von, in unserem Haushalt mit uns lebenden, kleinen Nachbarn: Bakterien aus dem Teppich, vom Handy oder der Zahnbürste usw.

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Bakterien und Pilze, die mit uns im Haus leben (S. Thiele)

 

Mikroben im Kreislauf des Lebens

Bakterien und Pilze werden dringend gebraucht, damit der Kreislauf des Lebens funktioniert. Das wird in der Ausstellung extrem deutlich gemacht mit einem Exponat einer verwesenden Giraffe.  Aber auch vor Lebensmitteln machen die Mikroorganismen nicht halt.

 

Fazit:

Nicht nur mir als Mikrobiologin sondern auch meiner Familie hat diese Ausstellung sehr gefallen. Das Museum erscheint auf den ersten Blick nicht sehr groß – bietet aber für verschiedene Altersklassen ab ca. 10 Jahren eine Fülle an Informationen und interaktiven Möglichkeiten, sich spielerisch Wissen zu erarbeiten.  Die Exponate sind sehr gut gemacht und pflegeaufwändig. Wissenschaftler sind ständig in der Ausstellung und kontrollieren Kulturen oder stehen für Fragen zur Verfügung.

Der Mikrokosmos bleibt nicht nur beschränkt auf Bakterien, Viren Pilze oder Phagen. Auch Algen, Ameisen oder kleine Käfer finden hier noch Platz.

Ausstellungsdesign und Multimedia

Die Ausstellung wurde vom niederländischen Ausstellungsdesignbüro Kossmann.dejong in enger Zusammenarbeit mit ART+COM Studios gestaltet. Während Kossmann.dejong für die Gesamtkonzeption des Ausstellungsdesigns und Szenografie verantwortlich war, arbeitete ART+COM in erster Linie an der Konzeption, Gestaltung und Entwicklung der medialen Exponate – von den ersten Skizzen zum Interaktionsdesign bis hin zur Programmierung und zum Hardwaredesign.

Unbedingt Probieren!

Das Café-Restaurant „De Plantage“ gleich neben Micropia ist ein echter Insider-Tipp. Es ist ein gemütliches und nostalgisches Gartenrestaurant am Artis-Zoo mit einer schönen Sonnenterasse. Gegenüber kann man Flamingos und Störche beobachten.

Meine Empfehlung: Tartines (geroosterd desembrood) Crème van Hollandse geitenkaas (Ziegenkäse) met gegrilde honingpeer (Honigbirne), rucola an hazelnoot. LEKKER!

Mikrobiologische Grüße aus Amsterdam

Susanne

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Weltbuchtag 2017: Sachbuchverlosung für Biologiebegeisterte #bloggerschenkenlesefreude

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Buchverlosung zum Welttag des Buches 2017 (Quelle: Thiele)

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Heute am 23. April feiern alle Lesebegeisterten den „Welttag des Buches“. Buchhandlungen und Verlage öffnen die Türen, Blogger und Autoren starten viele Aktionen rund um dieses Lesefest.

Eine regionale Tradition ist zu einem internationalen Ereignis geworden: 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“, dem weltweiten Feiertag für das Lesen, für Bücher und die Rechte der Autoren. Die UN-Organisation für Kultur und Bildung hat sich dabei von dem katalanischen Brauch inspirieren lassen, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Über diesen Brauch hinaus hat der 23. April auch aus einem weiteren Grund besondere Bedeutung: er ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes.

Buchverlosung im Mikrobenzirkus

Für alle Sachbuchfans und Biologiebegeisterten gibt es in diesem Jahr hier im Blog erstmals eine Buchverlosung. Damit nehme ich gleichzeitig an der Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ teil.

Ich verlose 2 Exemplare unseres Sachbuches „Sex macht Spass, aber viel Mühe“ – Eine Entdeckungsreise zur schönsten Sache der Welt (erschienen 2014 im Orell Füssli Verlag) entstanden in der eigenen Textwerkstatt unseres Autorenteams gemeinsam mit Steffen Münzberg und Vladimir Kochergin. Für die Mikroben-Fans unter euch gibt es natürlich auch einige interessante Kapitel darin.

Klappentext:

Warum gibt es eigentlich Männchen und Weibchen? Warum vermehren sich Blattläuse jungfräulich, Elefanten aber nicht? Warum haben wir Menschen überhaupt Sex? Warum gibt es Geschlechter? Wäre es vielleicht besser, wir würden uns auch mit geschlechtsloser Vermehrung begnügen? Viele Lebewesen fahren damit ganz ausgezeichnet. Zumindest legt dies die Scheidungsrate bei Schimmelpilzen nahe. Die Autoren erklären kurzweilig, warum die meisten von uns keine Zwitter sind und zeigen, was Frauen und Männer aneinander schön finden. Sie erfahren, warum uns Sex musikalisch gemacht hat und wie unsere behaarten Primatenkollegen, die Gorillas und Bonobos, flirten und ihre Beziehungen pflegen. Waren wir Menschen schon immer monogam? Was bestimmt wer wir sind und wen wir lieben? Diese Fragen beantwortet dieses humorvolle Aufklärungsbuch.

Zum Reinlesen auf Amazon

Konditionen zum Mitmachen:

  1. Einfach einen kurzen Kommentar schicken, warum Du Dich für das Buch interessierst.
  2. Bewerbungsschluss ist 29.4. 2017. Dann werden unter allen Interessierten zwei Gewinner verlost und hier bekannt gegeben.

Viel Glück!

Susanne

Nachtrag 29.4.2017: Bekanntgabe der Gewinner der Sachbuchverlosung.

Das Los hat entschieden. Die beiden Gewinner sind Christian vom Paleo-Blog und Heike Baller. Herzlichen Glückwunsch! Ich schreibe euch nochmal über die Email-Adressen für den Postversand der Bücher.

Viele Grüße

Susanne

 


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Marsch für Wissenschaft 22. April 2017 – Blogger for Science

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Blogger erheben die Hände gegen Faktenfeindlichkeit und rufen auf zum „Marsch für die Wissenschaft“ am 22. April: Blogger for Science&Facts. (Logo: Julia Uraji mit freepix.com)

Hashtag: #BlogsforScience

Der „Marsch für Wissenschaft“ am 22. April 2017 geht uns alle an:

In den USA ist die Idee eines „march for science“ entstanden, der am 22. April stattfinden soll. Auch in Deutschland wird in 20 Städten (Berlin, Bonn/Köln, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Greifswald, Hamburg, Heidelberg, Jena, Leipzig, München, Stuttgart, Tübingen) wie auch in Österreich (Wien) demonstriert werden. Die Demonstration wird von vielen Wissenschaftsorganisationen, wie zum Beispiel der Helmholtz-Gemeinschaft oder der Leibniz-Gemeinschaft unterstützt.

Demonstriert wird für eine Gesellschaft, in der Fakten die Basis des konstruktiven Dialogs und demokratischer Entscheidungen sind, nicht nur als Meinungen angesehen werden. Es geht gegen „alternative Fakten“, „Fake News“ und gegen Befindlichkeiten als Grundlage gesellschaftlicher Kommunikation.

Die gleichen Ziele verfolgt die Blogger-Gemeinschaftsaktion „Blogger for Science&Facts“, die von „Wissenschaft kommuniziert“ initiiert wurde.  „Wissenschaft kommuniziert“ und Mikrobenzirkus rufen alle an Demokratie Interessierten auf, sich zu beteiligen.

„Auch für mich sind wissenschaftliche Fakten Basis meiner Arbeit – ob im Wissenschaftsblog Mikrobenzirkus oder im täglichen Job in der Wissenschaftskommunikation einer Forschungseinrichtung im Dialog mit der Öffentlichkeit.“

Die bisher teilnehmenden Blogs findet ihr hier.

Wichtige Links:

 

In Braunschweig findet leider kein eigener Marsch statt. So werden die meisten Interessierten die Demo in Berlin unterstützen.

Also macht auf die Aktionen aufmerksam und nehmt selbst teil!

Bloggergrüße

Susanne

 

 


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Rudolphs rote Nase mikrobiologisch erklärt – Merry Xmas!

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„Rudolph, the red-nosed reindeer had a very shiny nose. And if you ever saw it, you would even say it glows.“

Jedes Kind kennt „Rudolph“, das Rentier mit der roten Nase, aus dem Weihnachtslied, das Mitte des vergangenen Jahrhunderts populär wurde. Auch Bilderbücher machten es bekannt. Als rechte Hand des Weihnachtsmanns hilft es in jedem Jahr beim Geschenke austragen. Das fliegende Rentier zieht den schweren Santa-Claus- Schlitten an der Spitze. Dafür ist es bestens ausgerüstet mit einer anatomischen Besonderheit ­- einer glühend roten Nase. Damit findet es unbeirrbar den Weg durch Nacht und dichten Nebel.
Regelmäßig versuchen Forscher sich in der Weihnachtszeit an wissenschaftlichen Erklärungen für Rudolphs rote Leuchte. Was lässt die Nase so rot erstrahlen?

Rentier mit heißer Nase

Wissenschaftler aus Norwegen und den Niederlanden hatten eine Studie in der Weihnachtsausgabe 2012 der renommierten Medizin-Fachzeitschrift „British Medical Journal“ (BMJ) veröffentlicht. Bei einem Vergleich von Nasen von Rentieren und gesunden Menschen stellten sie fest, dass Rentiernase ein Viertel mehr Blutäderchen haben als menschliche Riechorgane. Damit enthalten die Nasen von Rentieren auch eine besonders große Menge an roten Blutkörperchen, die Sauerstoff transportieren können und den Tieren helfen, ihre Körpertemperatur zu kontrollieren.

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Wärmeinfrarotbilder zeigen die rote Nase des Rentiers (Quelle: BMJ)

Fazit der Forscher: Rudolphs Nase ist also rot, weil sie besonders viele rote Blutkörperchen enthält und gut durchblutet ist. Dank des dichten Netzes an roten Blutkörperchen ist das Rentier „anatomisch und physiologisch“ geeignet, seinen Aufgaben als fliegender Begleiter des Weihnachtsmannes nachzukommen.
Zudem hätten Rentiere eine höhere Dichte von Schleimdrüsen in ihrem Riechorgan, die bei wechselnden Wetterbedingungen und extremen Temperaturen für ein „optimales Nasenklima“ sorgen und das Organ schützen würden. Wärmeinfrarotbilder zeigten, dass Rentiere tatsächlich rote Nasen haben. Eines tun Rentiere niemals – frieren. Dafür sind aber nicht nur rote Nasen sondern auch ihr Fell und ihre Hufe verantwortlich.

 

Rudolph mit Naseninfektion?

Vielleicht hat Rudolph auch nur Schnupfen oder ein Infektion? Im Jahre 1986 hatte der norwegische Biologe Odd Halvorsen dazu eine Erklärung im Fachjournal „Parasitology Today“ veröffentlicht. Er führte die rote Nase einfach auf Parasitenbefall zurück. Wie auch andere Wiederkäuer wird das Rentier von vielen Parasiten geplagt, darunter auch Stechmücken, Zungenwürmer oder Fliegenlarven. In den Nasenhöhlen von Rentieren gäbe es ein spezielles Nasenmikrobiom, über zwanzig einzigartige Mikroben, die im Ausnahmefall die Färbung verursachen könnten.

Oder biolumineszentes Rentier?

Wenn man Rudolphs rotes Riechorgan zum Schluss mikrobiologisch „beleuchtet“, sollte man ein eine bekanntes Phänomen, welches schon für den Tintenfisch aus Hawai (Euprymna scolopes) beschrieben wurde,  nicht außer Acht lassen. Sein Körper enthält das Leuchtorgan, einen Sack angefüllt mit biolumineszenten Bakterien (Vibrio fischeri). Diese symbiontische Beziehung bietet für die Bakterien ausgezeichnete Bedingungen, um sich zu vermehren. Wenn diese eine ausreichende Anzahl erreicht haben, beginnen sie zu leuchten. Den Prozess, durch den die Bakterien wissen, dass sie genug Mikroorganismen sind, bezeichnet man als quorum sensing. Die Bakterien „sprechen“ sozusagen miteinander indem sie besondere chemische Moleküle produzieren. Mehr Bakterien produzieren dementsprechend mehr davon – bis ein bestimmter Level erreicht ist, dann agieren die Bakterien zusammen.
Im Fall des Tintenfischs wird Licht produziert. Die langarmigen Räuber spüren mit der eingebauten Taschenlampe ihre Beute auf. Gleichzeitig tarnt das Licht die nächtlichen Jäger. Denn im hellem Mond- oder Sternenlicht verhindert es, dass der Tintenfisch einen Schatten wirft und dadurch für Fressfeinde sichtbar wird. Ganz praktisch!

„Then one foggy Christmas Eve, Santa came to say, Rudolph with your nose so bright, won’t you guide my sleigh tonight?“

Könnte der Grund für die leuchtend-rote Nase nicht also auch eine symbiontische Beziehung mit dem Bakterium (Vibrio rudolphii) sein, welche das Riechorgan mit seinem besonderen Nasenklima kolonisiert und durch quorum sensing am Heiligabend zum Leuchten bringt? Sollte man mal drüber nachdenken :-)…

Fröhliche Weihnachten! Merry Christmas!

 

Quellen:

Why Rudolph’s nose is red: observational study BMJ 2012; 345 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.e8311 (Published 17 December 2012) Cite this as: BMJ 2012;345:e8311, http://www.bmj.com/content/bmj/345/bmj.e8311.full.pdf

Epidemiology of reindeer parasites. Halvorsen Odd. Parasitol Today. 1986 Dec;2(12):334-9. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15462756

 


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Mikrobenzirkus meets Stadt-Land-Food-Festival 2016 Berlin

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Heute mal ein Veranstaltungstipp in eigener Sache. In der nächsten Woche könnt ihr mich live mit einem Vortrag beim Stadt-Land Food-Festival 2016 in Berlin erleben.

Vom 1. bis zum 3. Oktober 2016 findet im Kreuzberger Kiez rund um die Markthalle Neun dieses besondere Festival statt – als Bühne für bäuerliche Landwirtschaft, handwerkliche Lebensmittelproduktion,  die Plattform für politischen Dialog und innovative Kochkultur – wie die Veranstalter auf der Seite http://stadtlandfood.com/ schreiben.

Auf Einladung von Cathrin Brandes und Olaf Schnelle bin ich Bestandteil eines bunten Programms in der „Werkstatt Gemüse“. Mit dem Vortrag

„Eine Portion Mikroben, bitte! Warum wir freundliche Mikroben brauchen“

werde ich etwas über das angespannte Verhältnis von Menschen und Bakterien erzählen und warum wir ohne unsere Mikroben eigentlich gar nicht existieren könnten.

Hier zur Vortragsankündigung am

Sonntag, den 2.Oktober von 16 – 17 Uhr in der Markthalle Neun, Werktstatt Gemüse, Eisenbahnstraße 42/43 in 10997 Berlin

Mikroben haben ein schlechtes Image – völlig ungerechterweise. Von etwa 10.000 heute bekannten Bakterienarten sind nur etwa 550 gefährliche Krankheitserreger. Die anderen leben friedlich mit und auf uns und in unserer Umwelt. Die meisten der Winzlinge sind harmlos und sogar gesund für uns. Kommen Sie mit auf eine spannende Expedition in den unsichtbaren Dschungel unserer Mikrobenwelt!

Die Werkstatt Gemüse wird sich hauptsächlich dem spannenden Thema Fermentation beschäftigen. Denn diese uralte Methode der Haltbarmachung ist zu sehr in Vergessenheit geraten. Selbst im Land des Sauerkrauts macht kaum einer noch selbst Sauerkraut ein, ganz zu schweigen von Salzgurken oder sauren Bohnen. Die Kuratoren der Werkstatt Gemüse haben sich auf die Fahnen geschrieben, diesen drohenden kulinarischen Kulturverlust abzuwenden und jedermann wieder für die Fermentation zu begeistern. In Tastings, Workshops und Vorträgen wird gezeigt, wie es geht, wie es schmeckt und warum es so gesund ist. Vom Krauthobeln, über das Ansetzen von Kimchi bis hin zu japanischen Fermentationstechniken. Hier wird geblubbert und gegärt!

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Fermentationsworkshops (Stadt Land Food-Festival)

 

Zum Thema Fermentation hatte ich hier im Blog für Interessierte auch schon mal etwas geschrieben.

Vielleicht sehen wir uns nächste Woche in Berlin?

Mikrobiologische Grüße

Susanne

 


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Haben Menschen und Bakterien ein gestörtes Verhältnis?

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Podiumsdiskussion in der Veranstaltungsreihe „Tatsache-Forschung unter der Lupe“ im Haus der Wissenschaft in Braunschweig (Foto: S. Thiele)

Bakterien haben ein echtes Imageproblem. Die meisten mögen sie nicht oder haben sogar Angst vor ihnen. Sie werden mit Krankheit, Schmutz und sogar Tod in Verbindung gebracht. Manche Menschen haben sogar so große Ängste, sich zu infizieren, dass diese Phobien krankhaft werden. In unserem Alltag versuchen wir mühselig Mikroben zu bekämpfen – sogar Haushaltsreiniger wirken heute schon antibakteriell.

Ist diese übertriebene Hygiene wirklich nötig? Und woher kommt diese Angst vor dem unsichtbaren Mikrokosmos eigentlich? Was meinen Mikrobiologen und Ärzte dazu? Zu diesem interessanten Thema habe ich in der letzten Woche eine Podiumsdiskussion mit verschiedenen Experten im Haus der Wissenschaft in Braunschweig besucht und fasse hier gern einige wichtige Statements zusammen.

Der Menschen und eine „uralte“ Angst vor Bakterien?

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Prof. Jörg Overmann (Foto: DSMZ)

 

„Die Angst vor Bakterien ist ganz einfach historisch bedingt“, sagt Prof. Jörg Overmann vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig. Krankheiten wie Tuberkulose, Diphterie oder Milzbrand, Cholera und Tetanus versetzten die Bevölkerung vor hundert Jahren in Angst und Schrecken.

Viele der ersten Bakterien, die Pioniere wie Louis Pasteur und Robert Koch entdeckten, waren Krankheitserreger und die Verursacher dieser Krankheiten. So wurde ein Bild von einer unsichtbaren Gefahr aus dem Mikrokosmos geprägt. Die Forscher hatten damals auch noch nicht die technischen Möglichkeiten, um überhaupt zu erkennen, dass Bakterien überall um uns und in uns sind. Und vor allem nützliche“, sagt Jörg Overmann. So wurden Bakterien als Feinde verteufelt, wie auch alte Informations- und Werbeplakate für die Bevölkerung zeigen.

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Poster about tuberculosis in children and methods of transmission, showing a child wearing a bib. Town of Hempstead, W.H. Runcie M.D. Health Officer

 

Ganz natürlich leben auf und in unserem Körper Abermillionen Bakterien ganz verschiedenster Arten. Auf jede unserer Körperzellen kommt im Schnitt ein Bakterium. Wer es ganz genau wissen will: Es sind und  1013   Zellen und 1014 Bakterien in unserem Körper – also etwa zehnmal mehr Bakterien als Körperzellen. Eigentlich ist unser Körper ein Superorganismus aus vielen Kleinstlebewesen und wir müssten vor uns selber Angst haben.

Ohne diese kleinen Untermieter würden wir auch gehörige gesundheitliche Probleme bekommen. Nichts funktioniert mehr normal, keine natürliche Haut- und Mundflora, keine Verdauung usw. Wir erben die Bakterien-Flora schon bei der natürlichen Geburt von unseren Müttern. Durch den Vaginalschleim und das Stillen mit Muttermilch überträgt sie sich auf uns. Neuerdings werden auch Kaiserschnittkinder nach der Operation manchmal mit dem Vaginalschleim der Mutter eingeschmiert, um keinen Entwicklungsnachteil zu riskieren.

„Wir kennen etwa 600 krankheitserregende Bakterien. Denen stehen 10 Millionen bis 1 Milliarde Bakterienarten gegenüber, die für den Menschen von Nutzen sind.“ (Prof. Jörg Overmann,  Leibniz-Institut DSMZ-Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig)

Die meisten bakteriellen Untermieter leben natürlich im Darm. Dort unterstützen sie die Verdauung, in dem sie sonst für uns unverdauliche Nährstoffe „knacken“ und sie helfen bei der Abwehr von Krankheitserregern. Die Forscher beginnen aber heutzutage erst ansatzweise zu verstehen, wie wichtig eigentlich die Symbiose von Menschen und Körperbakterien ist.

Es gibt Hinweise darauf, dass eine Störung der Darmflora im Kindesalter mit Zivilisationskrankheiten wie Asthma und Übergewicht im späteren Leben verknüpft ist. Demzufolge raten Mediziner zu einem sehr sorgsamen Umgang mit Antibiotika. Bei jedem Antibiotikaeinsatz sterben nicht nur die Krankheitserreger sondern auch unzählige nützliche Darmbakterien. Diese regenerieren sich nach der Therapie zwar langsam wieder – aber womöglich verändert sich das Artenspektrum dauerhaft.

Konsequente Hygiene in Krankenhäusern ist wichtig

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Prof. Ralf-Peter Vonberg, (Foto MHH)

Der unbedachte Einsatz von Antibiotika hat auch zur Bildung von multiresistenten Erregern geführt. Diese können vor allem in Krankenhäusern große Probleme bereiten – darüber informierte Prof. Dr. Ralf-Peter Vonberg vom Institut für Krankenhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover. „Keime wie Clostridium difficile und andere schädliche Darmbakterien sind stark auf dem Vormarsch.“ Deshalb gibt es einen konsequenten Einsatz von bestimmten Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern. „Hände, medizinische Geräte und sanitäre Anlagen werden regelmäßig gereinigt und desinfiziert. Von jedem Patienten, der in der MHH eingeliefert wird, machen wir eine Aufnahmeuntersuchung auf multiresistente Keime (MRSA) und problematische Darmbakterien. Sollte sich dann herausstellen, dass er einen riskanten Keim hat, wird er in einem Einzelzimmer isoliert“. Diese Maßnahmen sind auch erfolgreich. MRSA haben sie auf diese Weise in den Griff bekommen – die Infektionen mit diesem Keim sinken, sagte Vonberg.

Der MRSA-Keim Staphylococcus aureus ist ein Paradebeispiel für einen Keim, der böse oder harmlos sein kann. Jeder dritte Mensch hat ihn in seiner Nase ohne irgendwelche Symptome einer Krankheit. So bringen die Leute die Erreger schon selbst mit in die Klinik, die später nach einer Operation kritisch werden können. Sind diese Keime dann gegen die gebräuchlichen Antibiotika resistent, sind die Therapiemöglichkeiten stark eingeschränkt und die Ärzte stehen mit dem Rücken zur Wand.

Zwar kommen wieder neue Antibiotika auf den Markt, aber die neuen Medikamente hängen der Resistenzentwicklung der Keime immer hinterher. Dazu kommt auch der unverantwortliche breite Einsatz von Antibiotika auf Wunsch der Patienten bei Husten und Schnupfen, die aber auf virulente Erreger zurückgehen. Hier müssen viele Ärzte dringend Fortbildungen bei der Antibiotikaversorgung erhalten, sagte Vonberg.
Viele Patienten haben heute schon Angst davor, überhaupt noch in ein Krankenhaus zu gehen. Wie hoch ist die Gefahr, sich anzustecken? Ein gewisses Restrisiko bleibt immer, aber er selbst hätte keine Angst in ein Krankenhaus zu gehen, meint dazu Prof. Vonberg.

„Wir brauchen Hygiene da, wo sie wichtig ist: im Krankenhaus. Aber außerhalb davon, plädiere ich dafür, Hygienehysterie zu vermeiden.“ (Prof. Ralf-Peter Vonberg, Institut für Krankenhaushygiene der Medizinische Hochschule Hannover)

Fragt man VonBerg danach, welche Tipps er seinen Patienten geben würde, so gibt er folgende Empfehlungen:

  • Im Krankenhaus den Arzt entschlossen vor der Behandlung danach fragen, ob er sich die Hände desinfiziert hat (auch wenn das etwas Mut erfordert)
  • Sich so wenig wie möglich mit den Händen ins Gesicht zu fassen, damit keine Keime in den Körper eindringen
  • In größeren Gruppen Handkontakte etwas einschränken
  • Im Ausland nur Durchgegartes essen und keine Salate usw. welche mit Trinkwasser gewaschen wurden
  • Im Familienhaushalt nur Händedesinfektion benutzen, wenn z.B. ein Familienmitglied einen Darminfekt hat, dann ist auch eine getrennte Toilette optimal

 

Flüchtlingskrise – Panik vor neuen Infektionen?

Vor allem in Schwellen und Entwicklungsländern breiten sich multiresistente Krankheitserreger dramatisch aus. Längst besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose werden in Osteuropa, Indien und Afrika plötzlich wieder zum Problem.

Einige der von der langen Reise geschwächten Flüchtlinge bringen diese Erreger mit, berichtete Vonberg. „Aber das sind Einzelfälle, die wir gut beherrschen. Von einer Krankheitswelle, wie mitunter von der Bevölkerung angenommen, kann man nicht sprechen.“ Vorausetzung dafür ist nach Vonberg aber die gute Durchimpfungsrate in Deutschland.

Trotzdem beeinflussen Presseberichte natürlich die Menschen und ihre Ängste. So können manchmal auch wahnhafte Vorstellungen von einer „Kontamination“ durch Bakterien oder Viren entstehen. Damit können bei manchen Menschen direkt panische Ängste erzeugt werden, sagte PD Dr. Alexander Diehl von der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Städtischen Klinikum Braunschweig.

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PD Dr. Alexander Diehl,  (Foto: Klinikum Braunschweig)

 

Die wichtigste Hilfe für Betroffene ist dann zuerst eine Verhaltenstherapie. Die Patienten lernen über ein Entspannungstraining und eine Exposition gegenüber z.B. „keimbesiedelten“ Türklinken, wie sie ihre Kontaminationsangst und ihren Ekel beherrschen können. Manchmal klappt das auch nur im Zusammenspiel mit Medikamenten.

 

 

„Durch Achtsamkeit können wir Gefahren reduzieren, aber der Wunsch nach 100%iger Kontrolle kann zur Geißel werden.“ (Dr. Alexander Diehl, Klinik für Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Städtisches Klinikum Braunschweig)

Ich freue mich immer über Kommentare !

Mit mikrobiologischen Grüßen

Susanne


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Mikrobe des Jahres 2016 – Streptomyces – die Pharmazeuten unter den Mikroben

Titelblatt Version 1 Pilzhyhpe mit Cluster von Streptomyceten-H

Streptomyces mit stark sporulierender Oberfläche, der rot gefärbte Stoffwechselprodukte ausscheidet (@Hildgund Schrempf)

Ta-daah! Trommelwirbel und Fanfare für die neue Mikrobe des Jahres 2016 und gleichzeitig unsere Mikrobe im Februar hier im Mikrobenzirkus! Die Bakteriengattung Streptomyces wurde in diesem Jahr von der VAAM (Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie) für den Titel ausgewählt.

Streptomyces ist sehr bedeutsam in der Medizin als Wirkstoffproduzent. Zwei Nobelpreise 1952 und 2015 wurden schon für das Antibiotikum Streptomycin und das Antiparasitikum Ivermectin vergeben.

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Wirkstoffe aus Streptomyceten können Bakterien abtöten – hier sichtbar als klare Hemmhöfe im Bakterienrasen, Fotomontage (@Hildgund Schrempf)

Aus Streptomyceten sind heute mehrere Tausend sehr unterschiedliche organische Moleküle bekannt. Diese können z.B. das Wachstum von Pflanzen stimulieren, hemmen andere Bakterien (Antibiotika) oder Pilze (Fungizide). Einige beeinflussen auch unser Immunsystem oder verhindern das Wachstum von Tumoren (Zytostatika).  Sie leben mit den Bakterien in enger Gemeinschaft und profitieren so von der Abwehr schädlicher Mikroorganismen. Bis heute ist Streptomyces mit rund 70 Prozent der erfolgreichste Lieferant antibiotischer Wirkstoffe, die therapeutisch einsetzbar sind. Aktuelle Studien lassen vermuten, dass noch viele bislang unbekannte Schätze aus Streptomyceten in den nächsten Jahren gehoben werden können.

Diese Bakterien haben viele weitere Talente: Sie spielen eine wesentliche Rolle beim Recycling abgestorbener Pflanzen, für die Humusbildung und sorgen nebenbei für den frischen Duft von Waldboden.

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Streptomyces bauen tierische und pflanzliche Reste über Zwischenstufen zu wertvoller Erde um (@Hildgund Schrempf)

Streptomyceten scheiden zahlreiche Enzyme aus und bauen damit viele komplexe Substanzen ab, beispielsweise schwer spaltbare Stoffe wie Cellulose aus Holz oder Chitin von Insektenpanzern und Pilzen. Die entstehenden kleineren Nährstoffe dienen den Streptomyceten als Nahrung. So sorgen diese Bakterien für das Recycling von Pflanzenfasern und Resten abgestorbener Organismen.
Auch für Insekten sind sie sehr nützlich. Im Darm von Regenwürmern, Termiten und anderen Lebewesen bauen Streptomyceten schwer verdauliche Stoffe ab. Streptomyces trägt wesentlich zum ökologischen Stoffkreislauf bei sowie zur Bildung von Kompost und Humus. Zudem scheiden die Bakterien komplizierte, oft auffällig gefärbte Moleküle aus, die für unsere Gesundheit von unschätzbarer Bedeutung sein können. (Quelle: VAAM )

Nobelpreis für Streptomyces (Video)

Viele weitere spannende Informationen unter http://www.mikrobe-des-jahres.de/

Ein für Mikrobiologen sehr schönes Plakat zum Download findet ihr unter unter http://www.mikrobe-des-jahres.de/content/files/Plakat-MdJ-2016.pdf

Über den folgenden Schülerwettbewerb zur Mikrobe des Jahres halte ich euch hier auch auf dem Laufenden.

Mit mikrobiellen Grüßen 🙂 !