Mikrobenzirkus

Keine Panik vor Bazille, Virus & Co


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„Zombiviren“ aus dem Permafrost?

Liebe Mikroben-Fans,

Anfang des Jahres schwappte die Schlagzeile „Arctic zombie viruses in Sibiria could spark terrifying new pandemic, scientists warn“ aus der Londoner Sonntagszeitung The ObserverHealth in die deutschen Medien, die mich als Mikrobiologin natürlich aufhorchen ließ, weil sie so gut zum Thema unseres aktuellen Science-Thrillers „TOXIN“ passte, den ich als Koautorin mit Kathrin Lange veröffentlich habe.

Der Genetiker Jean-Michael Claverie von der Universität Aix-Marseille warnte davor, dass uralte Viren, die im Permafrostboden in der Arktis-Region eingefroren sind, eines Tages durch die Erwärmung des Erdklimas freigesetzt und einen großen Krankheitsausbruch auslösen könnten. Diese Viren schlummern dort seit zehntausenden von Jahren in Überesten von Mammuts und Säbelzahntigern und könnten Tieren und Menschen heute immer noch gefährlich werden. Sie könnten sogar eine Pandemie auslösen – nicht durch eine für die Wissenschaft neue Krankheit, sondern durch Erreger aus der fernen Vergangenheit.

Das klingt nach Science-Fiction?

Wie gefährlich sind die “Zombieviren” oder andere Erreger aus dem tauenden Eis wirklich? Nehmen wir das Thema etwas auseinander…und vor allem die reißerische Bezeichnung Zombievirus in einer Überschrift. So etwas „liebe“ ich ja als Pressefrau am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung besonders…;-)

Zu allererst eine gute Nachricht: Die sogenannten “Zombieviren” haben ihren Namen nicht deshalb, weil sie uns Menschen in Zombies verwandeln könnten. Diese „Methusalem-Viren“ sind selbst die Untoten, die seit prähistorischen Zeiten im Eis überdauern und wieder zum Leben erwachen können. Sie schlummern gut gekühlt im ewigen Eis und Gletschern, die man auch als Permafrost bezeichnet.


Natürliche Kühlschränke als Zeitkapseln

Permafrostböden kann man sich vorstellen, wie eine riesige, natürliche und dazu luftsichere Gefriertruhe. Ein Viertel der Landfläche der Nordhalbkugel ist dauerhaft gefroren, dazu gehören Alaska, Nordkanada, der Norden Europas und weite Teile Sibiriens. Sogar in Deutschland gibt es einen Ort an dem alpiner Permafrost vorkommt: die Zugspitze.
Namensgebend für diese Dauerfrostböden ist die Tatsache, dass die Temperaturen des Bodens in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren unter null Grad Celsius liegt. Wie Beton stabilisiert der Permafrost den Untergrund – bis circa 1,6 Kilometer reicht der Dauerfrost zum Beispiel in Sibirien ins Erdinnere. Der perfekte Ort zum Konservieren, kalt, frei von Sauerstoff und Licht.

BU: Permafrost in Alaska (Shutterstock)


In Permafrostböden sind deshalb gigantische Mengen organischen Materials, hauptsächlich abgestorbene Pflanzenreste eingeschlossen – aber auch beispielsweise noch ganze Mammuts zu finden – nicht nur in Form von Knochen, sondern komplett – mit konservierten Haaren, Gewebe und Blut.

Mumifizierte Karibus wie in unserem Sciencethriller „Toxin“ oder dieses kleine Mammut (42.000 Jahre alt) im Permafrostboden in Sibirien sind gar nicht so selten…

Schaut mal vorbei beim spannenden Insta-Account der Geologin Katherine Parsons unter kati.digs.dinos.


Das ewige Eis taut

Viele der arktischen Eisschichten bestehen schon seit der letzten Eiszeit. Taut es, drohen Felsstürze, Schlammlawinen, Gletscher lösen sich auf, Gebäude, Eisenbahnstrecken, Landepisten und Straßen verlieren ihren Halt und sacken ab. Thermokarst nennt man diese Verformungen im Gefolge des Auftauens. 2023 war das wärmste Jahr der bisherigen Messgeschichte.

Durch steigende Temperaturen und Hitzewellen im Sommer infolge des Klimawandels taut der Permafrostboden auf. Die bislang eingefrorenen Mikroorganismen z.B. Bakterien und Viren werden aktiv und fangen an, sich das organische Material auf diesem „reich gedeckten Büffet“ zu zersetzen. Dabei gelangen Treibhausgase wie Lachgas, Methan und Kohlendoxid in die Atmosphäre.
Wenn der Klimawandel weiterhin so rasant voranschreitet und die Erderwärmung nicht auf ein Minimum begrenzt werden kann, könnten 75 Prozent der Permafrostböden noch in diesem Jahrhundert verschwinden – laut Experten vom Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven. Dann erwachen uralte Bakterien und Viren aus ihrem Dornröschenschlaf…


Jahrtausende alte Mikroorganismen noch funktionsfähig

Ein realer Vorfall aus dem Jahre 2016 setzte damals unsere Thriller-Idee für „TOXIN“ in Gang. In einem heißen Sommer gab der Permafrost auf der Jamal-Halbinsel in Nordsibirien mit Anthrax verseuchte Rentierkadaver frei, die bei einer historischen Milzbrandseuche um 1945 eingegangen waren. Ein zwölfjähriger Junge verstarb an der Krankheit, mehr als 70 Menschen kamen in eine Klinik und mehr als 200.000 Rentiere mussten getötet werden.

Wie real ist nun die Gefahr, dass der Klimawandel der Menschheit Krankheiten wiederbringt, die längst ausgerottet schienen?

Analysen von Bohrkernen, von Fossilien und deren DNA brachten schon eine ganze Reihe urzeitlicher Viren, Bakterien und andere Kleinstlebewesen ans Tageslicht. Forschende haben schon knapp 50.000 Jahre alte Viren aus dem Permafrost „wiederbelebt“ oder 24.000 Jahre alte Rädertierchen aufgeweckt. Zuletzt wurden auch 14.000 Jahre alte Fadenwürmern „reanimiert“.

Jahrtausende alte Viren können sogar noch infektiös sein.
Der im „Observer“ genannte Wissenschaftler Jean-Michel Claverie ist kein unbekannter „Virenjäger“ im ewigen Eis. Er hat selbst mit seinem Forschungsteam um Jean-Marie Alempic im Jahr 2014 zum ersten Mal lebende Viren aus dem Permafrost Sibiriens freigelegt und gezeigt, dass sie immer noch einzellige Organismen infizieren können. Das waren zwar nur Amöben, die infiziert wurden, „das heißt aber nicht, dass andere Viren, die im Permafrost eingefroren sind, nicht möglicherweise Krankheiten bei Menschen auslösen könnten“, so Claverie im Observer.

Pocken- und Herpesviren

Eine weitere Studie des französischen Teams zu 13 unbekannten Viren aus dem Eis folgte in einer Prepint*-Studie auf bioRxiv (Vorab-Studie, noch ohne wissenschaftliches Begutachtungsverfahren einer Fachzeitschrift) unter Beteiligung des AWI in Bremerhaven. Darunter Spuren von Pocken- und Herpesviren. Die älteste Probe war fast 48.500 Jahre alt und trägt den Namen Pandoravirus yedoma und ist so groß, dass man es schon mit einem normalen Lichtmikroskop nachweisen kann. Insgesamt ist die Forschungslage aber noch etwas dünn.

BU: Ein koloriertes Elektronenmikroskop-Bild eines Pandoravirus, eines Riesenvirus, das im sibirischen Permafrost gefunden wurde.
Image courtesy of Chantal Abergel / Jean-Michel Claverie] Created by Digital Micrograph, Gatan Inc.

Noch etwas höher ist die Gefahr bei Erregern, die schon Menschen infiziert haben und jetzt mit aufgetauten menschlichen Leichen aus dem Permafrost wiederauftauchen. Beispielhaft seien hier Viren der Spanischen Grippe genannt, die man bei einer verstorbenen Frau einer indigenen Volksgruppe fand, die einhundert Jahre in einem Massengrab in einem abgelegenen Inuit-Dorf in der Nähe der Brevig Mission lag.

„Das Szenario, dass ein unbekanntes Virus, welches einst einen Neandertaler infiziert hat, zurückkehrt, ist zu einer realen, wenn auch unwahrscheinlichen Möglichkeit geworden.”

(Jean-Michel Claverie, Universität Aix-Marseille)

Das Problem, was Claverie hier sieht: Wenn sich ein Virus lange Zeit im Eis verbirgt, mit dem wir seit Tausenden von Jahren nicht in Berührung gekommen sind, könnte es sein, dass unsere Immunabwehr nicht ausreicht. Denn die Strukturen solch alter Viren ähnelt keiner, wären, wie die Covid-19-Pandemie gezeigt hat.

Bakterien überdauern den Tiefschlaf im Eis besser

Widerstandsfähiger und damit potenziell gefährlicher als Viren aus dem ewigen Eis sind bakterielle Erreger. Bestimmte Bakterien, wie, der im Thriller „TOXIN“ verwendete Milzbranderreger Bacillus anthracis, können mit ihren Sporen im Boden überdauern. Wissenschaftler*innen entdeckten in Jakutien im Norden Sibiriens Mikroorganismen in Schichten, die sie auf ein Alter von mehr als drei Millionen Jahren schätzten. Diesen bakteriellen Erregern kann man allerdings mit heutigen Antibiotika meist gut Einhalt gebieten.

BU: Milzbranderreger Bacillus anthracis verursacht auch Hautläsionen als Hautmilzbrand (Shutterstock)


Gefahren durch Minen, Ölbohrungen und Schiffsverkehr

Eine Gefahr sehen die Forschenden eher von einer ganz anderen Seit: das Verschwinden des arktischen Meereises und des Permafrostes verändern die Landnutzung, führen zu mehr Schifffahrt und dem Bau von Minen und Ölbohrungen. Und dies wäre nicht das erste Mal, dass Epidemien so ausgelöst werden, wenn Menschen in vorher unbesiedelte Gebiete vordringen, so Marion Koopmann, Virologin am Medical Center in Rotterdam.

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen arbeiten die Forscher deshalb an einem Überwachungsnetzwerk und Quarantäneeinrichtungen. So sollen schon sehr früh Fälle von Infektionen bemerkt, vor Ort behandelt und sofort eingedämmt werden.
So wäre man am besten auf die Möglichkeit neu auftretender Krankheiten vorbereitet. Einig sind sich die Expertenkreise auch darüber, dass noch weitere Forschung nötig ist, um herauszufinden, welche potenziellen Gefahren sich noch im ewigen Eis im Tiefschlaf befinden. Buchstäblich auf Eis gelegt sind leider auch einige Forschungsprojekte in Sibirien aufgrund des russischen Angriffskrieges.

Eine Möglichkeit existiert noch, um die Risiken zu minimieren und alle Probleme wie eine Wunderwaffe auf einmal lösen: nämlich die Klimaerwärmung schnellstens einzudämmen.


Für die interessierten Leser*innen von TOXIN hier noch ein besonderer Tipp:

Der im Thriller erwähnte Permafrosttunnel in Fairbanks, in zwei der Protagonisten (Gereon und Airi) ihren verloren gegangene Anthrax-Stamm wiederentdecken, existiert auch in der Realität. Der Fox-Permafrost-Tunnel ist ein Relikt des Kalten Krieges, wurde 1963 als Eisbunker gebaut und untersteht noch heute der Armeeabteilung Cold Regions Research and Engineering Laboratory (CRREL), die dort wissenschaftliche Studien zum schwindenden Permafrost durchführt. Im Tunnel kann man in den geführten Besuchertouren durch die gefrorenen Schichten sozusagen bis ins Pleistozän hinabsteigen. Man findet hier Reste von Mammuts, Karibus, Gräsern, über 30.000 Jahre alte Bakterien – eine Reise in die Zeitgeschichte der Erde. Spannend!

Und ihr könnt das hier gleich virtuell erleben unter folgendem Link in den Link:

Permafrost- Tunnel- Projekt: Webseite und virtuelle Tour sind zu finden unter:

https://virtualice.byrd.osu.edu/permafrost/


Service-Hinweis zum Buch bestellen – deutschlandweit und versandkostenfrei

TOXIN und auch PROBE 12 könnt ihr bei Interesse bei Graff der Buchhandlung meines Vertrauens in Braunschweig bestellen unter: Toxin bestellen

Das war es für heute!

Ich wünsche euch einen tollen Rest-Februar…ab und zu riecht es schon nach Frühling…

Schreibt mir gerne! Ich freue mich wie immer über eure Kommentare, über Anregungen oder auch Aufreger ;-)!

PS: Wenn euch dieser Newsletter zusagt, empfehlt ihn sehr gerne an weitere Mikrobenfreunde weiter über diesen Link zur Anmeldung.

Viele Grüße aus dem Mikrobenzirkus

Eure Susanne


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Coronavirus-Update: Pressezentrale im Homeoffice

Coronavirus (@shutterstock)

Ich lebe noch! Danke der Nachfrage! Nachdem ich von einigen Mikrobenzirkus-Lesern ganz besorgte Emails bekommen habe, ob es mir denn gesundheitlich gut gehe, möchte ich ein kurzes Lebenszeichen geben. Mir geht es gut, aber den Mikrobenzirkus-Blog habe ich trotzdem leider in diesen verrückten Coronazeiten etwas vernachlässigen müssen. Der Job geht gerade absolut vor.

Ich erlebe als Pressesprecherin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) mit meinem Team gerade die heftigsten und arbeitsreichsten Zeiten in meinem gesamten Berufsleben.
Seit Januar beschäftigt uns das neuartige Coronavirus SARS CoV-2 mit Presseanfragen und Experteninterviews zum Einordnen der wissenschaftlichen Ergebnisse mit einer steil ansteigenden Kurve. Ging es am Anfang nur darum, die Geschehnisse in China in Wuhan zu kommentieren, so ist das neuartige Coronavirus seit März richtig in Europa, in Deutschland – in unserem Alltag angekommen. Die Bilder aus Italien stimmten besorgt.
Die Telefone sind seither im Dauerbetrieb, die Pressefächer laufen täglich voll mit Anfragen von Journalisten oder auch besorgten Bürgern. Ich arbeite auch noch mit im Krisenstab des HZI, der unser Zentrum auch auf die Corona-Pandemie vorbereiten musste. Kurz: Es fiel es mir schwer, mich auch noch spät abends zu motivieren, hier darüber zu schreiben.

Außerdem braucht es auch nicht noch eine Seite, die zum Coronavirus informiert. Dazu gibt es schon genug zentrale informative Seiten, die viel Arbeit investieren, um aktuell zu bleiben, wie das www.rki., www.bmg.de oder www.infektionschutz.de.de  und nicht zu vergessen das Corona-Infoportal des HZI, meines Zentrums mit aktuellen Beitragen und Statements zu unserem Beitrag zur Corona-Forschung www.helmholtz-hzi.de. Ich empfehle auch, wer ihn wirklich noch nicht kennt, den NDR-Podcast von Prof. Christian Drosten, Virologe und Institutsleiter an der Charité Berlin, der mit beruhigender Stimme viele komplexe Fragen rund um das Virus, aufbereitet für Laien, erklärt.

Die Wissenschaftskommunikation hat in diesen Tagen eine besonders wichtige Rolle. Aber auch nicht immer eine einfache Aufgabe, wenn die Expert*innen als Berater der Bundesregierung für die politischen Entscheidungen sitzen oder Positionspapiere für die weiteren Maßnahmen schreiben. Wissenschaft mit einer Verantwortung für die Gesellschaft. Die Maßnahmen, die aus der Sicht von Virologen, Epidemiologen oder Modellierern auf das Infektionsgeschehen empfohlen werden, passen wiederum anderen Seiten z.B. Wirtschaftsexperten oder Psychologen nicht. Existenzen stehen auf dem Spiel. Das sind schwere Entscheidungen für die Politik, die die Folgen gesamtgesellschaftlich abwägen muss. Sei es, seit dem 23. März eine Kontaktsperre zu verhängen oder sie zum 4. Mai, wie gestern verkündet, etwas zu lockern.

So arbeite ich seit Mitte März auch mit meinem gesamten Team im Homeoffice – verstreut über Deutschland von Braunschweig bis Würzburg. Aber es geht viel besser, als wir anfangs annahmen. Ich bin in der Situation, dass meine Kinder schon das Gymnasium besuchen oder studieren. Das Homeoffice mit kleinen Kindern wäre schwieriger.
Ich habe ein nettes Gartenbüro mit Blick ins Grüne. Video- oder Telefonkonferenzen strukturieren meinen Tag. Mit dem Team gibt es aber auch viel privaten Austausch – ganz wichtig in diesen Tagen! Es funktioniert sehr gut – aber auch dank meines sehr motivierten Presseteams. Als Leiterin bin ich aber trotzdem oft mit Präsenztagen am Zentrum in strategischen Meetings.

Homeoffice im umgebauten Gartenhaus (@Thiele_privat)


Meine Familie bekommt plötzlich meinen Job hautnah mit. Sonst bin ich einfach weg zur Arbeit. Jetzt sitzen sie fast mittendrin in der heimischen Pressestelle, fühlen sich etwas gestresst durch mein dauerklingelndes Handy, oder Mittag- und Abendessen, die platzen, weil der Journalist*in dringend eine Antwort braucht, weil die nächste Videokonferenz anberaumt wird oder ein TV-Team spontan kommt.
Pressesprecher*in wollen sie wohl in naher Zukunft nicht mehr werden ;-). Viel zu stressig! Aber vielleicht ändert sich das auch nochmal!
Pressesprecherin ist ja auch ein spannender Beruf. Finde ich jedenfalls!

Bleibt gesund! #stayathome #wir bleibenzuhause

Mikrobiologische Grüße

Susanne


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Froschschleim hilft gegen Grippeviren

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Der Frosch (Hydrophylax bahuvistara) produziert in seinem Hautsekret ein Peptid, das Grippeviren zerstören kann. (Foto: Sanil George & Jessica Shartouny)

Die kolumbianischen Chocó-Indianer benutzen das Gift (Batrachotoxin) des Schrecklichen Pfeilgiftfroschs für ihre tödlichen Blasrohrpfeile. Aber Froschsekrete können noch viel mehr. Für die schleimigen Hautabsonderungen der Frösche interessiert sich die Wissenschaft schon seit einiger Zeit. Und das aus gutem Grund. Hier ruhen vielleicht noch unentdeckte Schätze für die Entwicklung neuer Medikamente mit nützlichen Effekten für den Menschen. Ein farbenfroher indischer Frosch könnte der Medizin vielleicht ein wirksames neues Mittel gegen die Grippe (Influenza) liefern.

Neue Medikamente aus dem Arzneischrank der Natur

Influenza_Virus

Die Grippe ist immer noch eine der häufigsten und schwerwiegendsten Atemwegsinfektionen weltweit. Drei bis fünf Millionen Fälle gibt es jede Saison. Bis zu 500.000 Menschen sterben jährlich an der Erkrankung. Gegen die saisonale Grippe kann meist eine Impfung schützen. Wenn unvorhergesehen eine Influenza-Pandemie ausbricht, kann es komplizierter werden. Es dauert typischerweise mehrere Monate bis ein passender Impfstoff in ausreichender Menge produziert werden kann. Dann sind antivirale Medikamente das erste Mittel der Wahl. Hier kommen aber andere Probleme ins Spiel: Die Grippeviren entwickeln schnell Resistenzen gegen die gängigen Wirkstoffe. Die Forscher müssen daher dringend neue antivirale Mittel entwickeln. Um dies zu erreichen, suchen sie nach schon in der Natur vorhandenen Wirkstoffen, im speziellen nach Peptiden der angeborenen Immunabwehr.

Jetzt hat eine Forschergruppe um Joshy Jacob von der Emory University in Atlanta im Hautsekret der indischen Froschart Hydrophylax bahuvistara ein solches Sekret untersucht – mit überraschenden Ergebnissen. Im Froschschleim kommt ein bestimmtes Peptid vor, welches Grippeviren unschädlich machen kann.

Wirksam gegen zahlreiche Grippe-Stämme

Die chemischen Analysen ergaben, dass das Hautsekret des Frosches einen Cocktail aus 32 verschiedenen Abwehrpeptiden enthält. Peptide sind kurze Aminosäureketten, die von vielen Tieren und auch von uns Menschen produziert werden, mit der Fähigkeit, Bakterien oder Viren zu beschädigen oder zu zerstören – sie bieten sich daher als Ausgangspunkt für eine Suche nach neuen antiviralen Mitteln an.

Das neu entdeckte Peptid mit der aggressiven Wirkweise wurde „Urumin“ getauft. So heißt in Indien eine gefürchtete traditionelle Waffe, die ursprünglich wie auch der Frosch aus dem Süden Indiens kommt. Es handelt sich um eine Kombination aus Peitsche und Schwert – statt Leder sind beim Urumin die Riemen aus flexiblem, sehr dünnem Metall.

Was passiert genau? Noch ist der Wirkmechanismus des Peptids noch nicht vollends aufgedeckt. Es bindet offenbar ein virales Oberflächenprotein, welches in vielen Grippevirenstämmen vorkommt. So kann das Virus nicht mehr in die Zelle gelangen und wird anschließend getötet. Das neuentdeckte Peptid ist hochgradig wirksam – und das gleich gegen zahlreiche alte und neue Stämme des H1-Influenza-Virus. So beschrieben in der Fachzeitschrift „Immunity“.

Immer einen Frosch in der Tasche?

Solltest du dir bei Grippe nun einfach einen indischen Frosch unter die Nase binden? Nein – das würde nichts bringen? Bis zum wirksamen Medikament ist es noch ein weiter Weg.
Damit das Peptid eine Grundlage für ein Grippeschutzmittel liefern kann, müssen noch viele weitere Tests durchgeführt werden. Derzeit wirkt die Substanz lediglich bei menschlichen Zellen und Mäusen unter Laborbedingungen. Viele Wirkstoffstudien stellen sich später beim Menschen als ungeeignet heraus. Aber die Arbeit zeigt, dass in der systematischen Erforschung tierischer Substanzen ein großes Potenzial schlummern könnte.
Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte dieses „Rezept der Natur“ zu einem neuen antiviralen Grippemittel weiterentwickelt werden. Weltweit gibt es mehr als 6000 verschiedene Froscharten und regelmäßig werden neue entdeckt -­ so wie etwa 2014 mitten in New York City.

Übrigens: Die Frösche tragen keinen großen Schaden davon. Zur Entnahme des Wirkstoffs bekommen sie leichte Elektroreize, wodurch die Schleimproduktion angekurbelt wird. Dieser wird entnommen und die Frösche werden wieder in die Freiheit entlassen.

#mikrobensindfreunde

Mikrobiologische Grüße

Susanne


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Männergrippe ist kein Märchen!

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Kermit hat der Männerschnupfen erwischt! Quelle: CCO Public Domain

Wir kennen es alle: Große und kleine kranke Männer sind wehleidig und fast dem Tode nah. Mit einem Männerschnupfen ist nicht zu spaßen! Da braucht es schon unsere gesammelte weibliche Aufmerksamkeit und Fürsorge, damit sich die Erkältung nicht sogar noch in etwas Schlimmeres oder das Ende der Menschheit wandelt. Wir Frauen denken dann oft: „So eine Mimose!“ Mit etwas Hühnersuppe und Streicheleinheiten lässt sich in der Regel aber jeder Todgeweihte wieder beruhigen.

Nun ist es aber eindeutig wissenschaftlich erwiesen und wir müssen wirklich umdenken: Männer leiden stärker, wenn es um eine Erkältung oder Grippe geht. Sie erkranken im Vergleich zu Frauen häufiger und schwerer an Infekten. Forscher der Universität Innsbruck haben einige Studien miteinander verglichen. Dabei kam heraus: Männer sind anfälliger für Viren und Bakterien. Nehmen wir das klassische Grippevirus heraus – erkranken in Europa mehr Männer als Frauen.

Schuld haben die Hormone

Eine Ursache für die Unterschiede könnten die unterschiedlichen Hormonhaushalte sein, die sich auf das Immunsystem auswirken. Es gibt viele Faktoren, die den Verlauf einer Erkältung beeinflussen – aber zu den größten Faktoren gehören tatsächlich die beiden Hormone Östrogen und Testosteron.
Forscher der Universität von Pennsylvania, Philadelphia, haben 2015 herausgefunden, dass Frauen ein besseres Immunsystem als Männer haben. Der Grund dafür, ist das zweite X-Chromosom. Mit entsprechenden Genen ausgestattet, unterstützt es die Immunabwehr besser als das männliche Y-Chromosom.

Warum ist das weibliche Immunsystem stärker?

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Jeder Mensch hat 23 Chromosomenpaare, die sich in jeder einzelnen Körperzelle wiederfinden. Chromosomen sind DNA-Bündel, die rund 2.000 Gene umfassen. Zusammen enthalten die 46 Chromosomen alle Informationen über den Organismus, zu dem sie gehören. Ein Chromosomenpaar besteht bei Männern aus einem X-Chromosom und einem Y-Chromosom, bei Frauen aus zwei X-Chromosomen. Diese Doppelung der X-Chromosomen ist laut der US-Forscher der Schlüssel zu der Überlegenheit des weiblichen Immunsystems. Denn das X-Chromosom enthält mehr für die Immunabwehr zuständige Gene als das Y-Chromosom. Die Konsequenz: Die B-Zellen und T-Zellen, wichtige Bestandteile des Immunsystems, werden bei Frauen stärker aktiviert.

Auch die Forscher der amerikanischen John Hopkins University in Baltimore haben herausgefunden, dass uns Frauen das weibliche Sexualhormon Östrogen vor Grippe schützt. Es wirkt offenbar antiviral gegen das Influenza-A-Virus. Bei Männern klappt das naturgemäß nicht. Bei Versuchen fanden die Wissenschaftler heraus, dass das weibliche Hormon Östrogen das Grippevirus daran hindert, sich in den Nasenzellen zu vermehren. So können sich die Grippeviren bei Frauen weniger schnell im Körper verbreiten.

Evolutionsgeschichtliche Hintergründe

Auch Ärzte halten die Hormonthese für plausibel. Der MDR-Fernseharzt Carsten Lekutat meint dazu:

„Es macht vom Körper her absolut Sinn ein starkes Leiden zu produzieren, damit der Mann sich in die Höhle legt, sich mit einem Fell zudeckt und nicht jagen geht und eine Herzmuskelentzündung riskiert.“

Evolutionsgeschichtlich haben Frauen wahrscheinlich mehr Östrogen und ein stärkeres Immunsystem, damit sie sich um die Pflege des Nachwuchses kümmern konnten.

Doch Frauen scheinen mit ihrem Immunsystem nicht nur von Haus aus besser gegen Grippe gerüstet zu sein: Wie Forscher an der Standford Universität Kalifornien 2013 herausfanden, wirken auch Grippeimpfungen bei Frauen besser als bei Männern. Demnach wurden bei Frauen nach der Impfung mehr Antikörper im Blut nachgewiesen. Grund ist der Testosteronspiegel: Je mehr Testosteron im Blut, desto geringer die Zahl der Antikörper.

Für Männer sind diese Erkenntnisse natürlich nun nicht nur für die Rechtfertigung für längere Krankschreibungen hilfreich. In Zukunft könnte eine künstliche Anhebung ihres Östrogen-Spiegels eine sinnvolle Alternative zu Antibiotika darstellen.

Was hilft gegen Männergrippe?

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Mit ein paar Tricks können aber auch Männer mit den starken Abwehrkräften einer Frau mithalten:

  1. Händewaschen, da Viren sich sehr gern über die Hände verbreiten.
  2. Gesunde Ernährung: Vitamine statt Süßigkeiten essen und Sport sorgen dafür, dass die Abwehrkräfte gestärkt sind
  3. Ein Geheimtipp Zink: das hilft noch besser als Vitamin C.

So hat die Männergrippe keine Chance.

Gute Besserung an alle Männer und Frauen, die die Grippewelle erwischt hat!

Mikrobiologische Grüße

Susanne

 


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Schweinegrippe aktuell: Keine Panik, Händewaschen!

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Das Influenza- Virus H1N1 verursachte im Jahre 2009 eine weltweite Erkrankungswelle. (Quelle: NIAID)

 

In dieser Woche haben sich zwei Kinder mit der Schweinegrippe in einer Kita im Kreis Mansfeld-Südharz / Sachsen-Anhalt angesteckt. Das „Schweinegrippevirus“ – korrekt Influenza-Virus H1N1 genannt – wurde bei ihnen nachgewiesen. In der Einrichtung werden regulär über 60 Kinder betreut. Ein Drittel davon klagte schon über die typischen Symptome, wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen.

Das lässt bei mir Erinnerungen an das Jahr 2009 wieder aufflackern, in dem die Schweinegrippe weltweit ein großes Thema war. Ein ganzes Jahr hielt die Pandemie an. Insgesamt 18.000 Menschen starben.

Auch meine beiden Kinder gehen in Gymnasien. Stehen wir vor einem neuen Ausbruch der Krankheit? Müssen wir uns Sorgen machen?

 

Professor Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gab in dieser Woche Entwarnung bei den bisher nur vereinzelten Fällen der Erkrankung in einem MDR-INFO Interview. Der oft verwendete Begriff Schweinegrippe ist irreführend: Die Erreger enthalten lediglich genetisches Material, das ursprünglich aus Grippeviren von Schweinen, Vögeln und Menschen stammt.

„Die „Schweinegrippe“ ist schon lange keine Schweinegrippe mehr.“

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Prof. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig (Quelle: HZI)

Seit 2009 zirkuliert der Erreger ganz normal von Mensch zu Mensch. Es ist schon längst eine Menschengrippe geworden. Übertragen werden die Viren wie jede herkömmliche Wintergrippe: Wenn ein Infizierter hustet, spricht oder niest, gelangen kleine Tröpfchen in die Luft, die das Virus enthalten.

Es gab schon länger verschiedene H1N1-Erreger. Seit 2009 sei aber ein neuer Subtyp aufgetaucht, der nur als Schweinegrippe bezeichnet wurde, weil er vom Schwein auf den Menschen übertragen worden war. Dieser pandemische Stamm ist nun ein endemischer geworden, der jedes Jahr auftritt. Seinen Schrecken hat der Influenza-Virus H1N1-Stamm aber inzwischen verloren, weil er in der normalen Impfung enthalten ist. Er wird behandelt wie eine ganz normale Grippeerkrankung.

Das ganze Interview von Alexandra Prinz-Klause (Mitteldeutscher Rundfunk) ist hier zu hören:

Interview MDR-INFO mit Prof. Krause (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig

 

Wie könnt ihr euch selbst im Alltag vor der Ansteckung mit Grippeviren schützen?

Tipps:

  1. Regelmäßiges und gründliches Händewaschen mit Seife! Wascht eure Hände regelmäßig mindestens 20 bis 30 Sekunden lang mit Seife und Wasser oder benutzt ein Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis.
  2. Husten und Niesen in die Ellenbeuge oder ein Taschentuch.
  3. Abstand zu Mitmenschen halten! Die Übertragung erfolgt durch Niesen und Husten
  4. Nicht ständig mit den Händen ins Gesicht fassen! Das Virus wird auch beim Händeschütteln übertragen und kann so über die Schleimhäute an Augen, Mund und Nase in den Körper eindringen.
  5. Im Krankheitsfall zu Hause bleiben und sich auskurieren
  6. Regelmäßiges Lüften von Räumen
  7. Viel trinken! Mindestens 1,5 Liter am Tag.

 

Händewaschen schnell kapiert mit dem „ABC-Lied“

 

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