Mikrobenzirkus

Keine Panik vor Bazille, Virus & Co


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Haben Menschen und Bakterien ein gestörtes Verhältnis?

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Podiumsdiskussion in der Veranstaltungsreihe „Tatsache-Forschung unter der Lupe“ im Haus der Wissenschaft in Braunschweig (Foto: S. Thiele)

Bakterien haben ein echtes Imageproblem. Die meisten mögen sie nicht oder haben sogar Angst vor ihnen. Sie werden mit Krankheit, Schmutz und sogar Tod in Verbindung gebracht. Manche Menschen haben sogar so große Ängste, sich zu infizieren, dass diese Phobien krankhaft werden. In unserem Alltag versuchen wir mühselig Mikroben zu bekämpfen – sogar Haushaltsreiniger wirken heute schon antibakteriell.

Ist diese übertriebene Hygiene wirklich nötig? Und woher kommt diese Angst vor dem unsichtbaren Mikrokosmos eigentlich? Was meinen Mikrobiologen und Ärzte dazu? Zu diesem interessanten Thema habe ich in der letzten Woche eine Podiumsdiskussion mit verschiedenen Experten im Haus der Wissenschaft in Braunschweig besucht und fasse hier gern einige wichtige Statements zusammen.

Der Menschen und eine „uralte“ Angst vor Bakterien?

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Prof. Jörg Overmann (Foto: DSMZ)

 

„Die Angst vor Bakterien ist ganz einfach historisch bedingt“, sagt Prof. Jörg Overmann vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig. Krankheiten wie Tuberkulose, Diphterie oder Milzbrand, Cholera und Tetanus versetzten die Bevölkerung vor hundert Jahren in Angst und Schrecken.

Viele der ersten Bakterien, die Pioniere wie Louis Pasteur und Robert Koch entdeckten, waren Krankheitserreger und die Verursacher dieser Krankheiten. So wurde ein Bild von einer unsichtbaren Gefahr aus dem Mikrokosmos geprägt. Die Forscher hatten damals auch noch nicht die technischen Möglichkeiten, um überhaupt zu erkennen, dass Bakterien überall um uns und in uns sind. Und vor allem nützliche“, sagt Jörg Overmann. So wurden Bakterien als Feinde verteufelt, wie auch alte Informations- und Werbeplakate für die Bevölkerung zeigen.

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Poster about tuberculosis in children and methods of transmission, showing a child wearing a bib. Town of Hempstead, W.H. Runcie M.D. Health Officer

 

Ganz natürlich leben auf und in unserem Körper Abermillionen Bakterien ganz verschiedenster Arten. Auf jede unserer Körperzellen kommt im Schnitt ein Bakterium. Wer es ganz genau wissen will: Es sind und  1013   Zellen und 1014 Bakterien in unserem Körper – also etwa zehnmal mehr Bakterien als Körperzellen. Eigentlich ist unser Körper ein Superorganismus aus vielen Kleinstlebewesen und wir müssten vor uns selber Angst haben.

Ohne diese kleinen Untermieter würden wir auch gehörige gesundheitliche Probleme bekommen. Nichts funktioniert mehr normal, keine natürliche Haut- und Mundflora, keine Verdauung usw. Wir erben die Bakterien-Flora schon bei der natürlichen Geburt von unseren Müttern. Durch den Vaginalschleim und das Stillen mit Muttermilch überträgt sie sich auf uns. Neuerdings werden auch Kaiserschnittkinder nach der Operation manchmal mit dem Vaginalschleim der Mutter eingeschmiert, um keinen Entwicklungsnachteil zu riskieren.

„Wir kennen etwa 600 krankheitserregende Bakterien. Denen stehen 10 Millionen bis 1 Milliarde Bakterienarten gegenüber, die für den Menschen von Nutzen sind.“ (Prof. Jörg Overmann,  Leibniz-Institut DSMZ-Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig)

Die meisten bakteriellen Untermieter leben natürlich im Darm. Dort unterstützen sie die Verdauung, in dem sie sonst für uns unverdauliche Nährstoffe „knacken“ und sie helfen bei der Abwehr von Krankheitserregern. Die Forscher beginnen aber heutzutage erst ansatzweise zu verstehen, wie wichtig eigentlich die Symbiose von Menschen und Körperbakterien ist.

Es gibt Hinweise darauf, dass eine Störung der Darmflora im Kindesalter mit Zivilisationskrankheiten wie Asthma und Übergewicht im späteren Leben verknüpft ist. Demzufolge raten Mediziner zu einem sehr sorgsamen Umgang mit Antibiotika. Bei jedem Antibiotikaeinsatz sterben nicht nur die Krankheitserreger sondern auch unzählige nützliche Darmbakterien. Diese regenerieren sich nach der Therapie zwar langsam wieder – aber womöglich verändert sich das Artenspektrum dauerhaft.

Konsequente Hygiene in Krankenhäusern ist wichtig

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Prof. Ralf-Peter Vonberg, (Foto MHH)

Der unbedachte Einsatz von Antibiotika hat auch zur Bildung von multiresistenten Erregern geführt. Diese können vor allem in Krankenhäusern große Probleme bereiten – darüber informierte Prof. Dr. Ralf-Peter Vonberg vom Institut für Krankenhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover. „Keime wie Clostridium difficile und andere schädliche Darmbakterien sind stark auf dem Vormarsch.“ Deshalb gibt es einen konsequenten Einsatz von bestimmten Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern. „Hände, medizinische Geräte und sanitäre Anlagen werden regelmäßig gereinigt und desinfiziert. Von jedem Patienten, der in der MHH eingeliefert wird, machen wir eine Aufnahmeuntersuchung auf multiresistente Keime (MRSA) und problematische Darmbakterien. Sollte sich dann herausstellen, dass er einen riskanten Keim hat, wird er in einem Einzelzimmer isoliert“. Diese Maßnahmen sind auch erfolgreich. MRSA haben sie auf diese Weise in den Griff bekommen – die Infektionen mit diesem Keim sinken, sagte Vonberg.

Der MRSA-Keim Staphylococcus aureus ist ein Paradebeispiel für einen Keim, der böse oder harmlos sein kann. Jeder dritte Mensch hat ihn in seiner Nase ohne irgendwelche Symptome einer Krankheit. So bringen die Leute die Erreger schon selbst mit in die Klinik, die später nach einer Operation kritisch werden können. Sind diese Keime dann gegen die gebräuchlichen Antibiotika resistent, sind die Therapiemöglichkeiten stark eingeschränkt und die Ärzte stehen mit dem Rücken zur Wand.

Zwar kommen wieder neue Antibiotika auf den Markt, aber die neuen Medikamente hängen der Resistenzentwicklung der Keime immer hinterher. Dazu kommt auch der unverantwortliche breite Einsatz von Antibiotika auf Wunsch der Patienten bei Husten und Schnupfen, die aber auf virulente Erreger zurückgehen. Hier müssen viele Ärzte dringend Fortbildungen bei der Antibiotikaversorgung erhalten, sagte Vonberg.
Viele Patienten haben heute schon Angst davor, überhaupt noch in ein Krankenhaus zu gehen. Wie hoch ist die Gefahr, sich anzustecken? Ein gewisses Restrisiko bleibt immer, aber er selbst hätte keine Angst in ein Krankenhaus zu gehen, meint dazu Prof. Vonberg.

„Wir brauchen Hygiene da, wo sie wichtig ist: im Krankenhaus. Aber außerhalb davon, plädiere ich dafür, Hygienehysterie zu vermeiden.“ (Prof. Ralf-Peter Vonberg, Institut für Krankenhaushygiene der Medizinische Hochschule Hannover)

Fragt man VonBerg danach, welche Tipps er seinen Patienten geben würde, so gibt er folgende Empfehlungen:

  • Im Krankenhaus den Arzt entschlossen vor der Behandlung danach fragen, ob er sich die Hände desinfiziert hat (auch wenn das etwas Mut erfordert)
  • Sich so wenig wie möglich mit den Händen ins Gesicht zu fassen, damit keine Keime in den Körper eindringen
  • In größeren Gruppen Handkontakte etwas einschränken
  • Im Ausland nur Durchgegartes essen und keine Salate usw. welche mit Trinkwasser gewaschen wurden
  • Im Familienhaushalt nur Händedesinfektion benutzen, wenn z.B. ein Familienmitglied einen Darminfekt hat, dann ist auch eine getrennte Toilette optimal

 

Flüchtlingskrise – Panik vor neuen Infektionen?

Vor allem in Schwellen und Entwicklungsländern breiten sich multiresistente Krankheitserreger dramatisch aus. Längst besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose werden in Osteuropa, Indien und Afrika plötzlich wieder zum Problem.

Einige der von der langen Reise geschwächten Flüchtlinge bringen diese Erreger mit, berichtete Vonberg. „Aber das sind Einzelfälle, die wir gut beherrschen. Von einer Krankheitswelle, wie mitunter von der Bevölkerung angenommen, kann man nicht sprechen.“ Vorausetzung dafür ist nach Vonberg aber die gute Durchimpfungsrate in Deutschland.

Trotzdem beeinflussen Presseberichte natürlich die Menschen und ihre Ängste. So können manchmal auch wahnhafte Vorstellungen von einer „Kontamination“ durch Bakterien oder Viren entstehen. Damit können bei manchen Menschen direkt panische Ängste erzeugt werden, sagte PD Dr. Alexander Diehl von der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Städtischen Klinikum Braunschweig.

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PD Dr. Alexander Diehl,  (Foto: Klinikum Braunschweig)

 

Die wichtigste Hilfe für Betroffene ist dann zuerst eine Verhaltenstherapie. Die Patienten lernen über ein Entspannungstraining und eine Exposition gegenüber z.B. „keimbesiedelten“ Türklinken, wie sie ihre Kontaminationsangst und ihren Ekel beherrschen können. Manchmal klappt das auch nur im Zusammenspiel mit Medikamenten.

 

 

„Durch Achtsamkeit können wir Gefahren reduzieren, aber der Wunsch nach 100%iger Kontrolle kann zur Geißel werden.“ (Dr. Alexander Diehl, Klinik für Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Städtisches Klinikum Braunschweig)

Ich freue mich immer über Kommentare !

Mit mikrobiologischen Grüßen

Susanne


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Mikrobe des Jahres 2016 – Streptomyces – die Pharmazeuten unter den Mikroben

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Streptomyces mit stark sporulierender Oberfläche, der rot gefärbte Stoffwechselprodukte ausscheidet (@Hildgund Schrempf)

Ta-daah! Trommelwirbel und Fanfare für die neue Mikrobe des Jahres 2016 und gleichzeitig unsere Mikrobe im Februar hier im Mikrobenzirkus! Die Bakteriengattung Streptomyces wurde in diesem Jahr von der VAAM (Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie) für den Titel ausgewählt.

Streptomyces ist sehr bedeutsam in der Medizin als Wirkstoffproduzent. Zwei Nobelpreise 1952 und 2015 wurden schon für das Antibiotikum Streptomycin und das Antiparasitikum Ivermectin vergeben.

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Wirkstoffe aus Streptomyceten können Bakterien abtöten – hier sichtbar als klare Hemmhöfe im Bakterienrasen, Fotomontage (@Hildgund Schrempf)

Aus Streptomyceten sind heute mehrere Tausend sehr unterschiedliche organische Moleküle bekannt. Diese können z.B. das Wachstum von Pflanzen stimulieren, hemmen andere Bakterien (Antibiotika) oder Pilze (Fungizide). Einige beeinflussen auch unser Immunsystem oder verhindern das Wachstum von Tumoren (Zytostatika).  Sie leben mit den Bakterien in enger Gemeinschaft und profitieren so von der Abwehr schädlicher Mikroorganismen. Bis heute ist Streptomyces mit rund 70 Prozent der erfolgreichste Lieferant antibiotischer Wirkstoffe, die therapeutisch einsetzbar sind. Aktuelle Studien lassen vermuten, dass noch viele bislang unbekannte Schätze aus Streptomyceten in den nächsten Jahren gehoben werden können.

Diese Bakterien haben viele weitere Talente: Sie spielen eine wesentliche Rolle beim Recycling abgestorbener Pflanzen, für die Humusbildung und sorgen nebenbei für den frischen Duft von Waldboden.

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Streptomyces bauen tierische und pflanzliche Reste über Zwischenstufen zu wertvoller Erde um (@Hildgund Schrempf)

Streptomyceten scheiden zahlreiche Enzyme aus und bauen damit viele komplexe Substanzen ab, beispielsweise schwer spaltbare Stoffe wie Cellulose aus Holz oder Chitin von Insektenpanzern und Pilzen. Die entstehenden kleineren Nährstoffe dienen den Streptomyceten als Nahrung. So sorgen diese Bakterien für das Recycling von Pflanzenfasern und Resten abgestorbener Organismen.
Auch für Insekten sind sie sehr nützlich. Im Darm von Regenwürmern, Termiten und anderen Lebewesen bauen Streptomyceten schwer verdauliche Stoffe ab. Streptomyces trägt wesentlich zum ökologischen Stoffkreislauf bei sowie zur Bildung von Kompost und Humus. Zudem scheiden die Bakterien komplizierte, oft auffällig gefärbte Moleküle aus, die für unsere Gesundheit von unschätzbarer Bedeutung sein können. (Quelle: VAAM )

Nobelpreis für Streptomyces (Video)

Viele weitere spannende Informationen unter http://www.mikrobe-des-jahres.de/

Ein für Mikrobiologen sehr schönes Plakat zum Download findet ihr unter unter http://www.mikrobe-des-jahres.de/content/files/Plakat-MdJ-2016.pdf

Über den folgenden Schülerwettbewerb zur Mikrobe des Jahres halte ich euch hier auch auf dem Laufenden.

Mit mikrobiellen Grüßen 🙂 !

 


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Buchtipp: „Die Herrscher der Welt“ von Bernhard Kegel: Wie Mikroben unser Leben bestimmen

Kegel

Leseprobe:Bernhard Kegel: Die Herrscher der Welt – Wie Mikroben unser Leben bestimmen Dumont-Verlag (S. Thiele)

Mikroben sind die „Die Herrscher der Welt“. Ob auf unserer Zunge oder in unserem Darm, ob unter dem Meeresboden oder in der Troposphäre. Überall kommen Bakterien, Viren und andere Mikroben vor. Sie sind die eigentlichen Herrscher der Welt. Erst seit wenigen Jahren wissen die Forscher wie schwindelerregend hoch ihre Zahl und wie groß ihre Bedeutung ist.

Bernhard Kegel, seines Zeichens Biologe und versierter Romanautor, hat ein spannendes und sehr informatives Sachbuch geschrieben. Ich hatte das Glück ihn im Juni 2015 bei einer Lesung zum Buch im Haus der Wissenschaft in Braunschweig zu erleben. Danach stand das Buch mangels Zeit bei mir einige Monate im Bücherregal. Im Nachhinein hat mir die Lektüre des Buches viel besser gefallen als die Buchlesung – hält das Sachbuch doch einige sehr spannende bis revolutionäre Gedankengänge bereit.

 

Leben kann man nicht alleine !

Wir lernen von Kegel, dass „wir alle nicht allein sind“. Es ist Zeit, den Menschen und andere Lebewesen nicht mehr nur als Individuum zu betrachten, sondern als einen „Holobionten“. Als eine Gemeinschaft verschiedener Lebewesen, die sich zu einem größeren Organismus zusammengetan haben – zum gegenseitigen Vorteil.

Nur wenn tierische Polypen, Algen und Bakterien zusammenarbeiten, können etwa Korallen im nährstoffarmen Meer überleben. Es geht immer um Kooperation!
Viele Lebewesen sind gleichzeitig auch immer ein Ökosystem. Und das gilt für Organismen vom Blauwal bis zum Regenwurm. Alle sind Holobionten. Natürlich auch der Mensch. Viele Bakterien bevölkern unsere Haut und an Verdauung wäre ohne Bakterien gar nicht zu denken!
Unser Darm ist sogar der am dichtesten besiedelte Ort der Welt. Hier brauchen wir die Mikroben als „Verdauungshelfer“. Es gibt keine Tierart auf unserem Planeten, die ohne die kleinen Stoffwechselhelfer auskommt. Bakterien sind einfach die „besseren Chemiker“. Nachweisbar ein Drittel aller Stoffe, die durch unseren Körper transportiert werden, stammen von Mikroben. Damit reicht deren chemischer Einfluss über das Kreislaufsystem bis in entlegenste Körperregionen, z.B. bis zum Gehirn, wo mikrobielle Substanzen an ganz elementaren Nervenfunktionen mitwirken.

Immunsystem mal anders erklärt

Auch unsere Vorstellung von Mikroben war jahrelang verzerrt. Völlig fixiert auf die Krankheitserreger, sahen die Forscher das Immunsystem immer als „Abwehrbollwerk“ im Krieg gegen die Mikroben. Dieses etwas militärische Bild ist laut Kegel völlig überholt. War no more. Er spricht sogar von einer „Willkommenskultur für Symbionten“.
Unser Immunsystem ist wählerisch. Nicht jeder darf beim „Holobionten“ mitmischen. Unsere Zellen und Antikörper haben die Aufgabe, schädliche Bewohner zu erkennen und abzuwehren und freundlichen Bewohner ihren Platz im Superorganismus zuzuweisen – zum Erhalt der artspezifischen Partnergemeinschaft. Das ist mal eine fundamental andere Art der Welt außerhalb unseres Körpers gegenüberzutreten.

Besonders spannend fand ich auch die Beschreibungen, wie das Mikrobiom einer Schwangeren an das Baby übertragen wird. Kegel erklärt gut verständlich, warum Kaiserschnitte ohne medizinischen Grund keine gute Idee sind und warum manche Säuglinge mit den berüchtigten Dreimonats-Koliken ständig schreien und ihre Eltern fast in den Wahnsinn treiben.

Startschuss für eine neue Evolutionstheorie?

Eine Frage stellt sich nun, da wir alle keine Individuen sondern Holobionten sind -also aus Hunderten oder tausenden von Organsimen zusammengesetzt. Ist dann der Superorganismus Gegenstand der natürlichen Selektion oder haben wir eine „Gruppenselektion“ – ein höchst strittiges Thema unter Evolutionsbiologen? Nach Kegels Meinung sind Mikroorganismen sogar maßgeblich an der Bildung neuer Arten beteiligt. Müssen wir unser Konzept davon, was eigentlich Lebewesen sind vielleicht radikal verändern? Viele neue Fragen müssen gestellt und viele biologische Phänomene neu bewertet werden.

Planet der Phagen?

Auf den letzten Seiten des Buches wartet Kegel noch mit einem neuen Szenario und einer Überraschung auf. Tiere haben nicht nur ihr eigenes Mikrobiom, sondern auch ihr artspezifisches Viriom, eine Ausstattung an artspezifischen Viren. Sechzig Prozent dieser Kleinstpartikel sind die so genannten Phagen. Phagen infizieren ausschließlich Bakterien mit einer sehr hohen Wirtspezifität. Forscher vermuten sogar, dass Viren die eigentlichen Kontrolleure des speziesspezifischen Mikrobioms sind. Aber das wäre dann ein Thema für ein neues Buch.

 

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Bernhard Kegel (links) signierend bei der Buchlesung Im Haus der Wissenschaft in Braunschweig (Thiele 6/2015)

 

Fazit:

Das informative Sachbuch liest sich dank Kegels einfacher Sprache und schönen sprachlichen Bildern sehr gut. Wenn man mit zu den Forschern nach Jordanien reist, um Korallen zu untersuchen ist man fast live dabei. Leser, die nicht so für die Meeresbiologie interessieren, wird die erste Hälfte des Buches wahrscheinlich nicht so vom Hocker reißen. Aber wenn man diesen Teil durchhält, wird man mit einigen Überraschungen zur innermenschlichen Mikrowelt entschädigt.

 „Mögen Deine Symbionten immer mit Dir sein!“

 

Bernhard Kegel: „Die Herrscher der Welt- Wie Mikroben unser Leben bestimmen“. Dumont-Verlag, 382 Seiten, 22, 90 Euro ISBN 978-3832197735

bei Amazon

Auf der Shortlist zum „Wissenschaftsbuch des Jahres 2016“ in Österreich! Nominiert für die Wahl zum „Wissensbuch des Jahres 2015“ in Deutschland!

Leseprobe hier


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Noch bis zum 30. November läuft der Wettbewerb zur Mikrobe des Jahres 2015 – Wer findet Rhizobium?

Die Mikrobe des Jahres 2015, die ich euch hier im Blog lange schuldig geblieben bin, heißt „Knöllchenbakterium“, mit wissenschaftlichem Namen Rhizobium. Diese Mikrobe erleichtert den Anbau von Bohnen, Erbsen, Linsen und Futtermitteln wie Klee. Die Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM) kürte diesen faszinierenden Mikroorganismus am 9. Februar zur Mikrobe des Jahres 2015. Bis zum 30. November 2015 läuft noch der Wettbewerb „Findet die Mikrobe des Jahres 2015!“ für Schüler/innen und Studierende. Also Interessierte noch schnell die Unterlagen einsenden!

Rhizobium_VAAMBakterien als natürliche Düngehilfe

Rhizobien („in den Wurzeln lebend“) liefern bestimmten Pflanzen das für ihr Wachstum notwendige Ammonium auf natürlichem Weg und ersetzen damit künstlichen Dünger. An den Wurzeln dieser Pflanzen sind, wie auf dem Foto gut erkennbar, die typischen Knöllchen mit den Bakterien sichtbar.

(Bildquelle: VAAM)

Wettbewerb 2015: Wer findet Rhizobium?

Schüler/innen und Studierende können sich am Wettbewerb „Mikrobe des Jahres 2015“ beteiligen. Schickt bis zum 30. November 2015 Fotos, Videos oder andere kreative und künstlerische Gestaltungen rund um Rhizobium an die Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM) (siehe „Wie geht ihr vor?“). Ausführliche Informationen und weitere Hinweise der VAAM findet ihr hier. Also mitmachen! Es gibt tolle Preis zu gewinnen.

Links:

  • Mehr Hintergrundinformationen zum Knöllchenbakterium allgemein findet ihr unter folgenden Link.
  • Hier noch einige schöne Videos zum Thema:

Nitrogen Fixation – Seven Wonders of the Microbe World

Rhizobia symbiotic relationship between legumes and rhizobia

Ein Zoo für Mikroben

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MICROPIA – Mikrobenzoo in Amsterdam (BIldquelle Micropia)

Micropia“ heißt der erste Zoo für Mikroben, genauer gesagt ein Museum für Bakterien, Schimmelpilze, Mikroalgen und Viren, die auf uns und in unserer Umgebung leben. Er wurde vor ein paar Monaten in Amsterdam eröffnet.

„Wie kommt man denn auf die Idee so etwas „Nerdiges“ zu machen? Aber werde ich mir anschauen…“, war der Gastkommentar unter einem Artikel, der die Eröffnung ankündigte. Als ehemalige Mikrobiologin bin ich natürlich auch ganz begeistert von dieser Idee. Warum soll man nur einen Teil der Natur zeigen und sich nur mit den großen Tieren beschäftigen?

Diese kleinen Organismen machen einen unvorstellbar großen und nicht sichtbaren Anteil der Biospäre aus. Viel zu wenig ist noch bekannt über die Welt der Mikroben. Bakterien erzeugen meistens eher ein „Iiihh, wie eklig“ und man kennt sie vor allem als Verursacher von Krankheiten. Es ist an der Zeit, sich mehr den Mikroorganismen in unserer Welt zu widmen. Vor Dingen die man kennt, hat man weniger Angst.

Also ein Mikrobenzoo! Nun ja sicher, Mikroben sind winzig klein und brauchen nicht viel Platz. Das war auch der eigentliche Hintergrund des neuen Zookonzeptes. Der Zoodirektor und Ökologe Haig Balian konnte den Zoo Artis in der Großstadt Amsterdam nicht unendlich erweitern, also mussten die Tiere kleiner werden. Aber wer sich nun vorstellt, ein Zoo für Mikroben wäre eine ganz günstige und platzsparende Angelegenheit liegt leider auch falsch. Nicht umsonst musste ein Team von Wissenschaftlern zwölf Jahre tüfteln und kräftig die Köpfe rauchen lassen, um sich ein richtig gutes Museumskonzept zu überlegen.

Zuerst haben wir das Problem, dass man die Mikroorganismen bei ihrer Größe von 1-5 Mikrometer gar nicht sieht. Das klappt mit Käfigen oder Aquarien schon gar nicht. Erst wenn Milliarden Organismen auf einer Stelle sitzen, z. B. in einer Kolonie auf einem Nährmedium in einer Petrischale, können wir sie sehen. Um die Winzlinge ganz groß vor die Linse zu bekommen, arbeitet man im Museum mit medialen Exponaten, Videofilmen und Vergrößerungen über 3-D-Ferngläser mit Mikroskopen.

Ein zweites Problem: Nicht alle Mikroorganismen gehören zu den netten und freundlichen Mitbewohnern auf der Erde. Einige darf man im Zoo überhaupt nicht zeigen, da sie Krankheiten verursachen können. Im Labor teilt man die Mikroben in Risikogruppen von 1 bis 4 nach ihrer Infektiosität, der „krankmachenden Wirkung“ für den Menschen ein. In der Gruppe 1 findet man etwa solche harmlosen, wie Essigsäurebakterien oder Lactobacillen, die den Joghurt produzieren. Gar kein Problem für Besucher! Aber es gibt auch ein paar unangenehme Vertreter, wie das Ebola-Virus, das EHEC-Erreger oder das AIDS-Virus. Diese Krankheitserreger zeigt Micropia natürlich nur in großen Modellen.

Aber ganz ehrlich: so richtig spannend wird es doch trotzdem erst, wenn man sich lebende Mikroorganismen live anschauen kann, oder? Wenn man beobachten kann, wie Mikrobe & Co wachsen und sich vermehren. Bei der Artenvielfalt der Bakterien und Pilze kann das schnell zur Materialschlacht werden.
Jeder Mikroorganismus ist eine ganz eigene Diva und hat besondere Ansprüche und Vorlieben für bestimmte Wachstumsbedingungen oder die Ernährung. Es gibt salzliebende Bakterien, welche die Sauerstoff nicht mögen, Mikroben, die nicht ohne heiße Quellen oder hohe Drücke können und viele mehr. Um alle Temperaturen für seine Lieblinge zu bieten, hat man schnell eine „Klima-Schrankwand“ stehen, mit Temperaturen von 20 bis 100 Grad Celsius.

Thematisch spannt Micropia den Bogen bisher von den Mikroorganismen in und auf unserem Körper bis zur Biotechnologie und Ökologie. Sogar die natürlichen Lebenslandschaften einiger Mikroben kann man sich anschauen, wie z. B. die „Black Smoker“ in der Tiefsee mit ihren hitzetoleranten Bakterien.

Ich habe mir den Besuch in Amsterdam jedenfalls rot angemarkert und bin schon ganz gespannt.