Mikrobenzirkus

Von Mikroben und Menschen

Haben Menschen und Bakterien ein gestörtes Verhältnis?

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Podiumsdiskussion in der Veranstaltungsreihe „Tatsache-Forschung unter der Lupe“ im Haus der Wissenschaft in Braunschweig (Foto: S. Thiele)

Bakterien haben ein echtes Imageproblem. Die meisten mögen sie nicht oder haben sogar Angst vor ihnen. Sie werden mit Krankheit, Schmutz und sogar Tod in Verbindung gebracht. Manche Menschen haben sogar so große Ängste, sich zu infizieren, dass diese Phobien krankhaft werden. In unserem Alltag versuchen wir mühselig Mikroben zu bekämpfen – sogar Haushaltsreiniger wirken heute schon antibakteriell.

Ist diese übertriebene Hygiene wirklich nötig? Und woher kommt diese Angst vor dem unsichtbaren Mikrokosmos eigentlich? Was meinen Mikrobiologen und Ärzte dazu? Zu diesem interessanten Thema habe ich in der letzten Woche eine Podiumsdiskussion mit verschiedenen Experten im Haus der Wissenschaft in Braunschweig besucht und fasse hier gern einige wichtige Statements zusammen.

Der Menschen und eine „uralte“ Angst vor Bakterien?

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Prof. Jörg Overmann (Foto: DSMZ)

 

„Die Angst vor Bakterien ist ganz einfach historisch bedingt“, sagt Prof. Jörg Overmann vom Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig. Krankheiten wie Tuberkulose, Diphterie oder Milzbrand, Cholera und Tetanus versetzten die Bevölkerung vor hundert Jahren in Angst und Schrecken.

Viele der ersten Bakterien, die Pioniere wie Louis Pasteur und Robert Koch entdeckten, waren Krankheitserreger und die Verursacher dieser Krankheiten. So wurde ein Bild von einer unsichtbaren Gefahr aus dem Mikrokosmos geprägt. Die Forscher hatten damals auch noch nicht die technischen Möglichkeiten, um überhaupt zu erkennen, dass Bakterien überall um uns und in uns sind. Und vor allem nützliche“, sagt Jörg Overmann. So wurden Bakterien als Feinde verteufelt, wie auch alte Informations- und Werbeplakate für die Bevölkerung zeigen.

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Poster about tuberculosis in children and methods of transmission, showing a child wearing a bib. Town of Hempstead, W.H. Runcie M.D. Health Officer

 

Ganz natürlich leben auf und in unserem Körper Abermillionen Bakterien ganz verschiedenster Arten. Auf jede unserer Körperzellen kommt im Schnitt ein Bakterium. Wer es ganz genau wissen will: Es sind und  1013   Zellen und 1014 Bakterien in unserem Körper – also etwa zehnmal mehr Bakterien als Körperzellen. Eigentlich ist unser Körper ein Superorganismus aus vielen Kleinstlebewesen und wir müssten vor uns selber Angst haben.

Ohne diese kleinen Untermieter würden wir auch gehörige gesundheitliche Probleme bekommen. Nichts funktioniert mehr normal, keine natürliche Haut- und Mundflora, keine Verdauung usw. Wir erben die Bakterien-Flora schon bei der natürlichen Geburt von unseren Müttern. Durch den Vaginalschleim und das Stillen mit Muttermilch überträgt sie sich auf uns. Neuerdings werden auch Kaiserschnittkinder nach der Operation manchmal mit dem Vaginalschleim der Mutter eingeschmiert, um keinen Entwicklungsnachteil zu riskieren.

„Wir kennen etwa 600 krankheitserregende Bakterien. Denen stehen 10 Millionen bis 1 Milliarde Bakterienarten gegenüber, die für den Menschen von Nutzen sind.“ (Prof. Jörg Overmann,  Leibniz-Institut DSMZ-Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig)

Die meisten bakteriellen Untermieter leben natürlich im Darm. Dort unterstützen sie die Verdauung, in dem sie sonst für uns unverdauliche Nährstoffe „knacken“ und sie helfen bei der Abwehr von Krankheitserregern. Die Forscher beginnen aber heutzutage erst ansatzweise zu verstehen, wie wichtig eigentlich die Symbiose von Menschen und Körperbakterien ist.

Es gibt Hinweise darauf, dass eine Störung der Darmflora im Kindesalter mit Zivilisationskrankheiten wie Asthma und Übergewicht im späteren Leben verknüpft ist. Demzufolge raten Mediziner zu einem sehr sorgsamen Umgang mit Antibiotika. Bei jedem Antibiotikaeinsatz sterben nicht nur die Krankheitserreger sondern auch unzählige nützliche Darmbakterien. Diese regenerieren sich nach der Therapie zwar langsam wieder – aber womöglich verändert sich das Artenspektrum dauerhaft.

Konsequente Hygiene in Krankenhäusern ist wichtig

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Prof. Ralf-Peter Vonberg, (Foto MHH)

Der unbedachte Einsatz von Antibiotika hat auch zur Bildung von multiresistenten Erregern geführt. Diese können vor allem in Krankenhäusern große Probleme bereiten – darüber informierte Prof. Dr. Ralf-Peter Vonberg vom Institut für Krankenhaushygiene der Medizinischen Hochschule Hannover. „Keime wie Clostridium difficile und andere schädliche Darmbakterien sind stark auf dem Vormarsch.“ Deshalb gibt es einen konsequenten Einsatz von bestimmten Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern. „Hände, medizinische Geräte und sanitäre Anlagen werden regelmäßig gereinigt und desinfiziert. Von jedem Patienten, der in der MHH eingeliefert wird, machen wir eine Aufnahmeuntersuchung auf multiresistente Keime (MRSA) und problematische Darmbakterien. Sollte sich dann herausstellen, dass er einen riskanten Keim hat, wird er in einem Einzelzimmer isoliert“. Diese Maßnahmen sind auch erfolgreich. MRSA haben sie auf diese Weise in den Griff bekommen – die Infektionen mit diesem Keim sinken, sagte Vonberg.

Der MRSA-Keim Staphylococcus aureus ist ein Paradebeispiel für einen Keim, der böse oder harmlos sein kann. Jeder dritte Mensch hat ihn in seiner Nase ohne irgendwelche Symptome einer Krankheit. So bringen die Leute die Erreger schon selbst mit in die Klinik, die später nach einer Operation kritisch werden können. Sind diese Keime dann gegen die gebräuchlichen Antibiotika resistent, sind die Therapiemöglichkeiten stark eingeschränkt und die Ärzte stehen mit dem Rücken zur Wand.

Zwar kommen wieder neue Antibiotika auf den Markt, aber die neuen Medikamente hängen der Resistenzentwicklung der Keime immer hinterher. Dazu kommt auch der unverantwortliche breite Einsatz von Antibiotika auf Wunsch der Patienten bei Husten und Schnupfen, die aber auf virulente Erreger zurückgehen. Hier müssen viele Ärzte dringend Fortbildungen bei der Antibiotikaversorgung erhalten, sagte Vonberg.
Viele Patienten haben heute schon Angst davor, überhaupt noch in ein Krankenhaus zu gehen. Wie hoch ist die Gefahr, sich anzustecken? Ein gewisses Restrisiko bleibt immer, aber er selbst hätte keine Angst in ein Krankenhaus zu gehen, meint dazu Prof. Vonberg.

„Wir brauchen Hygiene da, wo sie wichtig ist: im Krankenhaus. Aber außerhalb davon, plädiere ich dafür, Hygienehysterie zu vermeiden.“ (Prof. Ralf-Peter Vonberg, Institut für Krankenhaushygiene der Medizinische Hochschule Hannover)

Fragt man VonBerg danach, welche Tipps er seinen Patienten geben würde, so gibt er folgende Empfehlungen:

  • Im Krankenhaus den Arzt entschlossen vor der Behandlung danach fragen, ob er sich die Hände desinfiziert hat (auch wenn das etwas Mut erfordert)
  • Sich so wenig wie möglich mit den Händen ins Gesicht zu fassen, damit keine Keime in den Körper eindringen
  • In größeren Gruppen Handkontakte etwas einschränken
  • Im Ausland nur Durchgegartes essen und keine Salate usw. welche mit Trinkwasser gewaschen wurden
  • Im Familienhaushalt nur Händedesinfektion benutzen, wenn z.B. ein Familienmitglied einen Darminfekt hat, dann ist auch eine getrennte Toilette optimal

 

Flüchtlingskrise – Panik vor neuen Infektionen?

Vor allem in Schwellen und Entwicklungsländern breiten sich multiresistente Krankheitserreger dramatisch aus. Längst besiegt geglaubte Krankheiten wie Tuberkulose werden in Osteuropa, Indien und Afrika plötzlich wieder zum Problem.

Einige der von der langen Reise geschwächten Flüchtlinge bringen diese Erreger mit, berichtete Vonberg. „Aber das sind Einzelfälle, die wir gut beherrschen. Von einer Krankheitswelle, wie mitunter von der Bevölkerung angenommen, kann man nicht sprechen.“ Vorausetzung dafür ist nach Vonberg aber die gute Durchimpfungsrate in Deutschland.

Trotzdem beeinflussen Presseberichte natürlich die Menschen und ihre Ängste. So können manchmal auch wahnhafte Vorstellungen von einer „Kontamination“ durch Bakterien oder Viren entstehen. Damit können bei manchen Menschen direkt panische Ängste erzeugt werden, sagte PD Dr. Alexander Diehl von der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Städtischen Klinikum Braunschweig.

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PD Dr. Alexander Diehl,  (Foto: Klinikum Braunschweig)

 

Die wichtigste Hilfe für Betroffene ist dann zuerst eine Verhaltenstherapie. Die Patienten lernen über ein Entspannungstraining und eine Exposition gegenüber z.B. „keimbesiedelten“ Türklinken, wie sie ihre Kontaminationsangst und ihren Ekel beherrschen können. Manchmal klappt das auch nur im Zusammenspiel mit Medikamenten.

 

 

„Durch Achtsamkeit können wir Gefahren reduzieren, aber der Wunsch nach 100%iger Kontrolle kann zur Geißel werden.“ (Dr. Alexander Diehl, Klinik für Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Städtisches Klinikum Braunschweig)

Ich freue mich immer über Kommentare !

Mit mikrobiologischen Grüßen

Susanne

Autor: Susanne Thiele

Biologin und Wissenschaftsautorin aus Braunschweig www.susanne-thiele.de

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