Mikrobenzirkus

Keine Panik vor Bazille, Virus & Co

Wie gesund sind probiotische Joghurts?

Ein Kommentar

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Naturjoghurt ist gut für die Darmflora © fotolia Fotograf: ji_images

Lacto und Bifido – wenn wir vor dem Kühlregal stehen, verwirren nicht nur diese lateinischen Namen. Linksdrehend, rechtsdrehend, probiotisch, präbiotisch –mal ehrlich wer blickt da noch durch? Diese Auswahl erschlägt einen förmlich und eigentlich wollten wir uns doch nur gesund ernähren. Aber wie gesund ist Joghurt eigentlich?

Zuerst einmal enthält Joghurt alle Bausteine auch die Milch mitbringt – vor allem Eiweiß und Kalzium. Das ist gut für Knochen und Zähne. Ein ganz großer Pluspunkt entsteht aber dadurch, dass der der Milchzucker bei der Fermentation durch die Laktobazillen schon zum großen Teil in Milchsäure umgewandelt wurde. So können sogar Menschen mit Laktose-Intoleranz Joghurt in kleinen Mengen meist gut vertragen.

Und was bringen probiotische Joghurts? Ist das gesund oder nur Humbug?

Unter dem Begriff Probiotika werden verschiedene Mikroorganismen zusammengefasst, zum Beispiel Milchsäurebakterien und Hefen. Eine gesundheitsfördernde Wirkung von Probiotika bei Gesunden konnte bisher nur für einzelne Aspekte und wenige Bakterienstämme wissenschaftlich belegt werden. Daher dürfen die Hersteller auch nicht mehr werben. Was nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden kann, darf auch nicht behauptet werden – das untersagt seit 2007 eine EU-Verordnung.

Normalerweise müsst ihr deshalb auch keine teuren Produkte kaufen, die extra als »probiotisch« gekennzeichnet sind, wie der Verbraucherservice Bayern erläutert.

Ganz natürlich kommen diese Probiotika auch in milchsauren Produkten vor – wie beispielsweise in Buttermilch, Kefir aber auch in Joghurt.

Sie siedeln sich im Darm an und fördern von dort aus die Gesundheit: Verdauungsbeschwerden können nachlassen, die Immunabwehr – deren Zellen vor allem im Darm sitzen – wird gestärkt und die Ansiedlung von übermäßig vielen Krankheitserreger wird verringert. Soweit die Theorie. Ganz so einfach ist es nämlich nicht:

Damit Bakterien überhaupt probiotisch genannt werden dürfen, müssen 30 Prozent davon lebendig im Darm ankommen (Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE).

Das ist nicht ganz einfach, denn auf ihrem Weg vom Mund dorthin müssen sie Magensäure, Gallensaft und Dickdarmflora überstehen. Bei probiotischen Joghurts werden deshalb noch zusätzlich größere Mengen des Bakterienstamms Bifidobacterium hinzugefügt, die den Magen unbeschadet passieren können und sich im Darm ansiedeln können. Das passiert aber nur, wenn ihr regelmäßig probiotische und möglichst frische Joghurts mit vielen lebenden Bakterien esst. Zum Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums kann die Anzahl probiotischer Keime abnehmen. Für positive Effekte sind aber mehr als eine Million Mikroorganismen nötig.

Viel hilft in diesem Fall aber nicht viel

Entscheidend ist nämlich nur nicht die bloße Anzahl der Bakterien einer Art, sondern in welchem Verhältnis sie zu anderen Vertretern der Darmflora vorhanden sind. Nur wenn das das Gleichgewicht zwischen den mehr als 500 verschiedenen Bakterienarten im Darm stimmt, ist die Verdauung im Lot. Mehr vom Guten ist nicht unbedingt besser. Im Gegenteil: Ein, zwei Bakterienarten von außen zuzuführen, kann die Balance der Darmflora sogar stören. Außerdem können sich probiotische Bakterien aus Lebensmitteln nicht dauerhaft im Darm ansiedeln.
Stellt euch das einmal vor wie ein paar fremde Touristen unter der einheimischen Bevölkerung im üppig besiedelten Darm. Alle Ecken und Nischen sind besetzt, alle Nahrungsquellen aufgeteilt und wer wen mit kleinen Gefälligkeiten versorgt, ist auch schon lange ausgehandelt. Eine Chance haben die »Neuen« nur, wenn sie ständig von außen zugeführt werden. Sobald der Nachschub stoppt, werden sie von den anderen Bakterien im Darm verdrängt. Bevor sie irgendeine Wirkung entfalten können, sind sie schon wieder »draußen«.

Einfluss auf die Darmflora

Die Wirkung ist wahrscheinlich anders als vermutet: Statt sich unter den Darmbakterien anzusiedeln, verändern die Joghurt-Bakterien offenbar den Stoffwechsel der Gastgeber. Das beobachtete ein weltweites Forscherteam, wie sie im Journal »Science Translational Medicine« berichten. Ein siebenwöchiger Test mit Menschen und Mäusen zeigte, dass die Darmflora andere Enzyme bildet, wenn es jeden Tag probiotischen Joghurt gab. Stoppte der Joghurtnachschub, verschwand auch die Wirkung. Diese Enzyme sind wichtig für den Stoffwechsel des Menschen: zum Beispiel die Verdauung von Kohlenhydraten. Die Studie könnte den Ansatz liefern, warum probiotischer Joghurt in einigen Fällen gegen Darmentzündungen und Durchfällen helfen kann. Wie die Joghurtbakterien aber diese neue Zusammensetzung der Enzyme bewirken ist den Forschern bisher noch unklar.

Gesunde Milchsäure

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Joghurts ist die Milchsäure. Sie beeinflusst die Darmflora positiv und beschleunigt die Darmpassage des Stuhls. So hilft sie die Schadstoffe schneller auszuscheiden und Darmkrebs vorzubeugen. Unterschieden wird dabei in rechtsdrehende und linksdrehende Milchsäure. Rechtsdrehende Milchsäure kommt unter anderem als Stoffwechselabbauprodukt im menschlichen Körper vor. Die linksdrehende Milchsäure kann der Organismus nicht selbst herstellen, sie wird deshalb auch nicht so schnell abgebaut.

Zuviel Zucker in Joghurtdrinks

Leider enthalten die probiotischen Joghurtdrinks auch oft viel zu viel Zucker. Das bringt die Darmflora ganz aus dem Takt, weil er das Wachstum bestimmter Bakterien einseitig fördert. Wenn ihr also eurem Körper etwas Gutes tun wollt, greift lieber zu ungesüßtem Joghurt oder Kefir. Die Milchprodukte wirken verdauungsfördernd und fördern die Darmflora. Studien konnten belegen, dass auch ganz normaler Joghurt die Verdauung während einer Durchfallerkrankung stabilisiert. Also viele gute Aspekte des Joghurts. Traut euch, ihn mal selbst anzusetzen. Es ist gar nicht schwer.

Selbstgemachter Joghurt:

  • 2 Liter Frischmilch
  • 2 gehäufte EL Naturjoghurt der Lieblingsmarke
  • Tontopf oder Stahltopf mit Deckel

Zubereitung:

  1. Die Milch kurz aufkochen, vom Herd nehmen und auf 42°C bis 45°C abkühlen lassen bis sich Rahm bildet.
  2. 2. 2 EL Joghurt vorsichtig einrühren. Mit einem Deckel verschließen, in eine Wolldecke umhüllen (vorzugsweise an einem warmen Ort neben der Heizung) und 8 Stunden ruhen lassen. Danach in den Kühlschrank stellen und weitere 16 Stunden unberührt lassen.
  3. Nicht vergessen: Zwei Löffel für die nächste Ladung selbstgemachten Joghurt aufbewahren, so wird der Joghurt immer feiner und individueller im Geschmack! Regel: Pro Liter Milch wird ein gehäufter Esslöffel Joghurt empfohlen.

 

Na dann gutes Gelingen!

Mikrobiologische Grüße

Susanne

Autor: Susanne Thiele

Biologin und Wissenschaftsautorin aus Braunschweig www.susanne-thiele.de

Ein Kommentar zu “Wie gesund sind probiotische Joghurts?

  1. Spannend 🙂 Das dürfte sich dann ja auch auf fermentierten Kohl (hier: rohes Kimchi, täglich 100 mL Schüsselchen) anwenden lassen. Ich habe zuerst immer 2 Wochen Probleme und dann hat es sich eingependelt. Wenn der Topf leer wird und ich habe nicht rechtzeitig für Nachschub gesorgt, krieg ich „Entzugsprobleme“ und nach wenigen Tagen ist alles wie vor dem Kohl.

    Manchmal habe ich Bedenken, dass ich Keime einziehen lasse, die mir irgendeine Fähigkeit rauben könnten oder sowas. Zwar nicht bei Lactobazillen, aber bei anderen Dingen. Z.b. sollte ich eigentlich schnell dick werden und wenns dann mal drauf ist, nahezu nicht mehr runter kriegen. Dem ist aber nicht so. Und das kann genetisch sein, das kann aber auch an meinen Keimen liegen denk ich mir da immer.

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