Mikrobenzirkus

Keine Panik vor Bazille, Virus & Co


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Zehn Dinge, die Du über Antibiotika wissen solltest

Anlässlich der World Antibiotic Awareness Week (14.–20. November) und des Europäischen Antibiotika-Tages am 18. November gibt es auch hier ein paar wissenswerte Informationen zu Antibiotika und zum verantwortungsvollen Umgang mit diesen Medikamenten.

1. Antibiotika helfen bei bakteriellen Infektionen, wirken aber nicht gegen Viren.

Ein Antibiotikum ist ein Medikament, das Bakterien abtötet oder ihr Wachstum aufhält. Penicillin gehört zu dieser Medikamentengruppe und war eines der ersten Antibiotika. Durch Medikamente wie Antibiotika leben Menschen heute bis zu 40 Jahre länger als 1901.  Antibiotika und andere Arzneimittel sind, neben anderen Faktoren wie verbesserter Wasserqualität, Hygiene und Ernährung, ein Grund dafür, dass die Lebenserwartung in Deutschland deutlich gestiegen ist. Derzeit gibt es rund 80 verschiedene Antibiotika.

2. Die Entdeckung des Penicillins war ein Zufallsfund.

Am 28. September 1928 machte Alexander Fleming eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizingeschichte. der Forscher kam an diesem Morgen in sein Labor uns sah, dass bei einem seiner Versuche etwas schiefgegangen war. Schimmel hatte sich in einer der Glasschalen ausgebreitet, die zu einem Experiment gehörten. Fleming wollte den Inhalt der Schale eigentlich vernichten. Aber er beobachtete, dass dort, wo sich der Schimmelpilz in der Bakterienkultur ausgebreitet hatte, keine Staphylokokken mehr wuchsen! Der Pilz produzierte also einen Stoff, der die Bakterien zerstört. Diesen Stoff nannte er Penicillin, in Anlehnung an den lateinischen Namen des Schimmelpilzes. Fleming hatte also ein Mittel gegen bakterielle Erkrankungen gefunden.
Es dauerte allerdings noch einige Jahre, bis die ersten Patienten Penicillin einnehmen. Erst zwölf Jahre später, 1940, gelang es den Wissenschaftlern Howard Florey und Ernst Chain, reines Penicillin aus Schimmelpilzen zu gewinnen und an Tieren und Menschen zu testen. Das war eine Sensation, ein solches Medikament hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Viele Menschen waren deshalb an Krankheiten wie Tuberkulose gestorben. Heute können wir solche Krankheiten mit Antibiotika wie Penicillin bekämpfen. Weil das Penicillin so wichtig ist, erhielt Alexander Fleming zusammen mit Howard Florey und Ernst Chain im Jahr 1945 den Nobelpreis für Medizin.
Der erste Mensch, der jemals mit Penicillin behandelt wurde, war übrigens ein 43-jähriger Polizist aus London, der sich beim Rasieren geschnitten und sich an der infizierten Wunde eine Blutvergiftung zugezogen hatte. Tatsächlich war das Fieber nach 5 Tagen verschwunden, doch weil die Penicillinvorräte aufgebraucht waren, konnte die Behandlung nicht fortgesetzt werden und der Mann verstarb nach einem Monat. Während des inzwischen tobenden 2. Weltkrieges interessierten sich die amerikanischen Streitkräfte sehr für das neue Medikament. Ab 1944 erfolgte die großtechnische Produktion des Penicillins für die US-amerikanischen Streitkräfte. Erst ab März 1945 konnten es auch Zivilisten auf Rezept in amerikanischen Drugstores kaufen.

3. Bakterienresistenzen sind ein natürliches Phänomen.

Einfaches RGB

Wirkstoffe aus Streptomyceten können Bakterien abtöten – hier sichtbar als klare Hemmhöfe im Bakterienrasen, Fotomontage (@Hildgund Schrempf)

Die grundsätzlichen Ursachen für Antibiotika-Resistenzen liegen in der Evolution. Seit rund zwei Milliarden Jahren existieren Bakterien auf der Erde – in denen sie fortwährend mutieren und neue Abwehrmechanismen gegen Bedrohungen entwickeln. Sie vermehren sich in ungeheurer Geschwindigkeit und Anzahl. So bringen sie immer wieder neue Varianten hervor – auch solche, die mit Giften besser umgehen können als ihre Vorfahren. Sie können ihren Stoffwechsel umstellen, Schutzmechanismen aktivieren und Resistenzgene austauschen. Dabei können sich die Resistenzgene über besondere Austauschmechanismen auch auf andere Mikrobenstämme verbreiten.
Ist der Antibiotika-Einsatz wie in Kliniken hoch, genießen resistente Erreger einen Überlebensvorteil vor ihren Artgenossen und vermehren sich besonders gut. Um zu verhindern, dass eines Tages keine wirksamen Antibiotika mehr zur Bekämpfung von lebensbedrohlichen bakteriellen Infektionen zur Verfügung stehen, müssen wir verantwortungsvoll mit diesen wichtigen und oft lebensrettenden Arzneimitteln umgehen.

4. Antibiotika-Resistenzen nehmen zu.

Antibiotika waren lange Zeit ein verlässliches Mittel, um Infektionen zu bekämpfen, doch das hat sich geändert. Multiresistente Keime in Krankenhäusern nehmen zu. Sie stellen ein immer ernster werdendes und vor allem globales Problem dar. Eine britische Studie schätzt, dass jedes Jahr bis zu 700.000 Menschen weltweit an resistenten Bakterieninfektionen sterben. Bezogen auf Deutschland sind das etwa 6000 Todesfälle. Der Grund: Oft wird Antibiotika eingenommen, obwohl eine Virusinfektion vorliegt. Bei dieser sind Antibiotika nutzlos. Trotzdem verlangen viele Menschen, die zum Beispiel mit einer Erkältung oder einer Grippe zum Arzt gehen, dass dieser ihnen Antibiotika verschreiben solle. Manche Ärzte verschreiben daraufhin das Medikament, um die Erkrankten zu beruhigen. Aber dieses Verhalten fördert Resistenzen der Bakterien gegen Antibiotika. 80 bis 90 Prozent aller Antibiotika werden im Rahmen der ärztlichen Grundversorgung verordnet, vorwiegend für Atemwegsinfektionen. Etwa 50 Millionen Antibiotika werden jährlich unnötigerweise verscheriben. Ein faktor der die Resistenzentwicklung fördert. Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, können harmlose Operationen wie beispielsweise eine Zahn- oder Gelenkoperation, Chemotherapien bei Krebs oder die Versorgung von Frühchen sehr schwierig werden.

5. Wie verbreiten sich Antibiotikaresistenzen?

Dazu gibt hier ein sehr gutes Schaubild des European Center für Disease Prevention and Control (ECDC ).

How does antibiotic resistance spread?

Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen (Quelle ECDC)

6. Alte Wirkstofftypen bei Antibiotika von 1930 bis 1960

Ob bei Bakterien, die Lungenentzündungen hervorrufen können oder Tuberkulose, ihre Resistenzen gegen Antibiotika werden zur Bedrohung für den Menschen. Im Wettlauf mit den Mikroben wird nach neuen Antibiotika geforscht. Denn fast alle heutigen Antibiotika gehen auf die Wirkstofftypen zurück, die zwischen 1930 und 1960 entdeckt wurden. Obwohl die Genome sämtlicher wichtiger Krankheitserreger bekannt sind, hat das noch zu keinem nennenswerten Fortschritt in der Entwicklung von Antibiotika geführt. Neue Wirkstoffe weden dringend gebraucht!

7. Neue Antibiotika aus Naturstoffen

Viele Pharmaunternehmen haben sich aus der aufwändigen und kostspieligen Forschung zurückgezogen. Denn Antibiotika werden im akuten Fall immer nur kurzfristig verabreicht. Es lässt sich damit also nicht so viel Geld verdienen wie mit Medikamenten, deren Einnahme dauerhaft notwendig ist. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen müssen zukünftig bei der Entwicklung neuer Antibiotika unterstützt werden und eng mit der Grundlagenforschung an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten.

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Agarplatten mit Myxobakterien, die antibiotische Wirkstoffe bilden (Quelle: HZI Braunschweig)

Chancen für neue Antibiotika sehen Forscher beispielsweise in Naturstoffen. Manchmal bilden Mikroorganismen sehr interessante Resistenzen aus. Etwa 80 Prozent der Antibiotika stammen aus der Natur. Eine schier unerschöpfliche Quelle für neue Wirkstoffe bilden etwa Pilze. Sie produzieren Antibiotika natürlicherweise, um sich gegen Bakterien durchzusetzen und deren Angriffe zu überleben. Gerade bei den Pilzen sieht man durch molekularökologische Untersuchungen, wie groß ihre Vielfalt ist. Man schätzt, dass es bis zu fünf Millionen Arten gibt. Wissenschaftlich beschrieben sind erst rund 100.000. Die Herausforderung ist nun, dass man diese Organismen für die Forschung zugänglich macht. (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig).

8. Gemeinsam im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen

Doch nicht nur die Entwicklung neuer Wirkstoffe verhindert aufkommende Antibiotika-Resistenzen. Auch der Umgang mit bisher verwendeten Medikamenten muss überdacht und verändert werden. Wenn Antibiotika dort verwendet werden, wo sie nicht unbedingt notwendig sind, steigt das Risiko für Resistenzen unnötig. Einen Lösungsansatz, um den zu verschwenderischen Einsatz von Antibiotika einzudämmen, könnte die internationalen „One Health“-Initiative sein, die verschiedene Beteiligte an einen Tisch bringt, wie Humanmediziner und landwirtschaftliche Anwender von Antibiotika. (Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie der Bundesregierung (DART 2020)

9. Was kannst Du tun, damit Antibiotika auch in Zukunft wirksam bleiben?

Durch eine verantwortungsvolle Anwendung von Antibiotika können Resistenzen vermieden werden. Auch Du kannst mithelfen!

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Bildquelle: WHO/ Volkov

  •  Nimm Antibiotika nur nach Verschreibung durch den Arzt ein.
  • Nimm die Medikamente immer so lange und in der Dosis ein, die der Arzt empfohlen hat.
  • Heb keine Reste von Antibiotika für eine nächste Infektion auf.
  • Gib Antibiotika, die der Arzt dir verordnet hat, nicht an andere Patienten weiter.
  • Entsorge die Antibiotika nicht über die Toilette oder das Waschbecken. Gib sie in den Hausmüll, so werden sie rückstandlos verbrannt. Wenn Antibiotika in das Abwasser gelangen, verbreiten sich die Substanzen in die Umwelt und Resistenzen werden gefördert. Apotheken bieten außerdem einen kostenlosen Rücknahmeservice für Medikamente an.
  • Vermeide Infektionen so gut wie möglich. Oft helfen schon einfache Hygienemaßnahmen wie Händewaschen.

 

10. Wie kannst Du Dich vor Infektionen schützen?

  • Lass Dich gegen Infektionskrankheiten impfen. Die Schutzimpfung gegen Grippe (saisonale Influenza) sollte jährlich wiederholt werden.
  • Wasch Dir mehrmals täglich die Hände mit Wasser und Seife für etwa 30 Sekunden, auch zwischen den Fingern. Händewaschen ist Pflicht nach jedem Toilettenbesuch, vor jeder Mahlzeit sowie nach dem Kontakt mit Tieren und rohem Fleisch.
  • Putze Dir die Nase mit Einmaltaschentüchern und entsorge Sie diese anschließend schnell. Wasch Dir auch nach dem Naseputzen die Hände.
  • Huste oder niese nicht in die Hand, sondern in die Armbeuge. Halte dabei möglichst großen Abstand zu anderen Menschen.
  • Berühre Dein Gesicht möglichst wenig mit den Händen.
  • Lüfte mehrmals täglich. Am besten das Fenster für einige Minuten komplett öffnen. Das sorgt für ein besseres Raumklima.

Komm gut durch die Erkältungszeit!

Wenn Du noch mehr über Antibiotikaresistenzen im Blog lesen möchtest – dann findest Du hier noch mehr Lesestoff.

Mikrobiologische Grüße

Susanne


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Warum Adele und Prinz Harry jetzt weniger duschen – Cleansing Reduction

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Täglich duschen – muss das eigentlich sein? (CC Public Domain, Pixabay)

Also irgendwann im Leben muss man(n) oder frau sich entscheiden. Entweder bin ich ein wohlriechender Mitmensch oder sollte ich der Mikroben-WG auf meiner Haut vielleicht eher eine gesunde ökologische Nische bieten? Eine schwierige Frage – ich möchte mich ja auch noch in der Umwelt unter Menschen bewegen…

Aber mal ganz ehrlich, wie sieht unser gewöhnlicher Morgen aus. Ich habe zum Beispiel unkomplizierte kurze Haare und springe morgens komplett unter die Dusche. Und das täglich. Natürlich! Wenn ich nach dem Büro noch Joggen gehe -so alle 2-3 Tage – dann dusche ich abends auch nochmal. Haare shampoonieren, sich einseifen unter dem Wasserstrahl – für mich ist das eine ganz selbstverständliche Hygiene.

Keine Zeiten für feine Näschen

Täglich duschen? Für unsere Vorfahren noch bis vor 150 Jahren war das ganz und gar nicht selbstverständlich. Sie duschten sich nie und wuschen sich kaum. Deos und Seifen waren nicht bekannt. Dementsprechend dürften sie auch gestunken haben. So richtig geändert hat sich das erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um 1850 forderte der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis erstmals medizinisches Personal auf, sich regelmäßig die Hände zu waschen vor dem Kontakt mit den Patienten. Etwas später entdeckte Louis Pasteur, der bekannte französische Chemiker, den Zusammenhang zwischen Bakterien und Krankheiten. So startete die Hygiene-Revolution. Wir leben heute viel gesünder und vor allem länger mit einer viel höheren Lebensqualität. Aber es gab vor 150 Jahren kaum Akne oder Hautallergien.

Unsere moderne Körperhygiene hat also nicht nur positive Seiten, vor allem nicht wenn sie zum übertriebenen Sauberkeitswahn auswächst. Mit all den Seifen, Lotionen, Deos und Shampoos „killen“ wir Tag für Tag Milliarden von guten Bakterien, die unsere Haut besiedeln. Ziemlich kontraproduktiv. Denn meistens sind das gute bakterielle Nachbarn, die schon Hunderttausende von Jahren mit uns leben. Die Mehrzahl ist uns wohlgesonnen, trägt zur Hautgesundheit bei und unterstützt uns in der Abwehr gefährlicher Keime an vorderster Front. Die Symbiose von Mensch und Mikrobe ist auch hier ein evolutionärer Glückfall!

Mikrokosmos Haut – „Terra incognita“

Wer lebt denn eigentlich Haut an Haut mit mir? Das Ökosystem unserer zarten Schutzhülle mit seinen zahlreiche Bakterien, Viren, Pilze und Milben ist noch weitgehend „Terra incognita“. Erst seit etwa 10 Jahren interessieren sich Biologen überhaupt für das Hautmikrobiom.
Mindestens sieben Milliarden Mikroorganismen besiedeln unsere knapp zwei Quadratmeter große Haut. Die Haut eines Embryos ist noch keimfrei, aber schon mit der Geburt beginnt die Besiedelung. Falten, Furchen und Flächen sind prima Wohnorte für Keime. Wer auf der Haut heimisch wird, hängt von den Genen, aber auch vom Wohnort, Klima mit seiner Feuchtigkeit und sogar vom Geschlecht ab. Frauen besitzen zum Beispiel eine viel größere Vielfalt verschiedener Bakterien an den Handflächen, obwohl sie sich durchschnittlich doppelt so häufig waschen.

Noch ein paar Zahlen gefällig? Mehr als 800.000 Bakterien pro cm2 tummeln sich auf unserer Kopfhaut. Auf der Stirn sind es durchschnittlich 154.881 pro cm2. Auf den Handflächen sind es fast 1.000 pro Quadratzentimeter. Bakterien leben auf jeder gesunden Haut. Besonders gern auf feuchten Partien. Sie umspannen unseren Körper wie ein Schutzschild und schützen ihn vor äußeren Einflüssen.

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Unsere Haut ist mit unterschiedlichen Bakterienstämmen besiedelt (Quelle: Nature Reviews Microbiology)

Wir nehmen außerdem auch noch ständig neue Mitbewohner in unseren Bakterienzoo aus der Umwelt auf. Wir teilen die Mikroben mit unseren Mitmenschen und Katz und Hund in unserer Umgebung. Wir sammeln sie von z. B. Türklinken und Computertastaturen auf. Dann entbrennt ein Konkurrenzkampf auf unserer Haut zwischen Alteingesessenen und neuen Eindringlingen um Nährstoffe und Wohnorte.

Man könnte ganz vereinfacht zwischen „guten“ und „schlechten“ Bakterien unterscheiden. Auch auf gesunder Haut befinden sich natürlich infektiöse Bakterien, aber sie werden von den anderen Bakterien sozusagen „in Schach gehalten“. Eine gesunde Haut hat immer eine Balance zugunsten der guten Bakterien z.B. verschiedene Milchsäurebakterien oder Staphylococcus epidermidis. Diese bringen die Mikroflora ins Gleichgewicht, fördern den natürlichen sauren pH-Wert der Haut, produzieren antimikrobiell wirkende Stoffe gegen Krankheitserreger und verbessern unserer Hautbarriere, indem sie die Verbindungen der Hautzellen untereinander stärken.
Unsere winzigen Mitbewohner sind Bodyguards, Reinigungskommando und Warnsystem zugleich. In Jahrmillionen der Co-Evolution hat sich in der Symbiose Mensch –Mikrobe ein perfektes Miteinander eingespielt. Das Mikrobiom der Haut ist aber auch anfällig für Störungen, wie jedes Ökosystem. Jede Veränderung stört die gesunde Balance. Desinfektionsmittel oder antimikrobielle Seifen sind natürlich Umweltkatstrophen in diesem Mikroben-Dschungel.

Seife & Co – Was passiert eigentlich beim Duschen?

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Seifen können unsere Haut austrocknen (CC Public Domain, Pixabay)

Mit Seife, Deos etc. bringen wir das tägliche Gleichgewicht der Haut gehörig durcheinander. Allein beim Duschen mit Wasser verlieren wir pro Duschgang etwa 30 bis 40 Prozent unserer Hautflora, laut dem Biotechunternehmer Jamie Heywood, Direktor von Aobiome, einer auf Hautbakterien spezialisierten Firma (SonntagsZeitung vom 24.1.16). „Unsere Haut wurde von der Evolution nicht darauf hin konzipiert, dass wir sie jeden Tag mit 37 Grad warmen Wasser durchwaschen“, sagt Heywood. Mit Seife killen wir sogar noch viel mehr Mikroben.

Unsere Mikrobenpopulation auf der Haut wird zwar niemals ganz leergefegt. Einige Bakterien werden sich immer in feinen Hautritzen, in Haarbalgen oder in Schweißporen halten und überleben. Aber die natürliche Balance der Haut ist gestört. Eine fast sterile Haut ist für unsere Gesundheit ein großes Problem. Wie beim Darm gilt hier auch- je vielfältiger und stabiler die Zusammensetzung der Mikrobengemeinschaft, desto gesünder. Zum Beispiel fand die Mikrobiomforscherin Elizabeth Grice von der University of Pennsylvania heraus, dass Wunden am schnellsten heilen, wenn besonders viele verschiedene Bakterien dort vorkommen.

Was passiert eigentlich, wenn unsere Hautbakterien ihre natürlichen Aufgaben nicht mehr ordentlich übernehmen können? Das untersuchen Wissenschaftler derzeit in Europa im Rahmen des „Microbes in Allergy and Autoimmunity Related to the Skin“- Project (MAARS). Hier erforschen die Wissenschaftler, ob die Baktierien der Entstehung von Hautkrankheiten wie Schuppenflechte oder Neurodermitis beteiligt sind. Alle diese Hautleiden haben möglicherweise mit einem gestörten Gleichgewicht der menschlichen Hautflora durch exzessive Körperhygiene zu tun. Mikroben kommunizieren nämlich nicht nur untereinander, sondern auch mit der Haut. Der Dermatologe Bernhard Homey von der Uniklinik Düsseldorf ist sich sicher, dass Mikroben mit den Immunzellen Informationen austauschen. Das wäre insofern sehr interessant, da bei Schuppenflechte und Neurodermitis ein fehlgesteuertes Immunsystem eine entscheidende Rolle spielt (FOCUS Gesundheit „Die Haut“ (2014).

Natürlich sind aber nicht nur die Mikroorganismen schuld, wenn es uns juckt und die Haut schuppt. „Bei Hautkrankheiten gibt es immer ein komplexes Zusammenspiel zwischen der genetischen Veranlagung, den Umwelteinflüssen und dem Hautmikrobiom“, sagt Bernhard Homey. Bisher haben die Wissenschaftler den Einflussfaktor des Mikrobioms fast völlig ignoriert. Es wird noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern, bis passende Medikamente auf den Markt kommen.

Modernen Menschen fehlen bestimmte Hautbakterien?

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Uns modernen Menschen fehlen bestimmte Keime in der Hautflora. (CC Public Domain, Pixabay)

Uns modernen Menschen nach der Hygiene-Revolution fehlen schon wichtige Bakterien in unserem Hautmikrobiom. Die Balance der Hautmikroben stimme nicht mehr nach einem Befund von Heywoods Firma Aobiome. Deren wissenschaftlicher Leiter David Whitlock ist davon überzeugt, dass modernen Menschen heute sogenannte ammoniak-oxidierende Bakterien (AOB) fehlen. Normalerweise kommen diese Bakterien überall vor, wo es Ammoniak gibt – im Wasser oder Boden außer eben auf der menschlichen Haut.

Das war vor der Hygiene-Revolution wohl anders. Dies zeigt eine Studie mit der indigenen Volksgruppe der Yanomami im Amazonasgebiet. Alle Yanomami haben ammoniak-oxidierende Bakterien auf ihrer Haut. Bei uns westlichen Menschen findet man diese Bakterien bei weniger als einem Prozent der Bevölkerung. Ist das schon eine evolutionäre Anpassung an unsere veränderte Körperhygiene mit weitreichenden Konsequenzen? Zumal ammoniak-oxidierende Bakterien wichtige Funktion auf der Haut haben. Sie wandeln Ammoniak aus Schweiß und Urin in Nitrit und Stickstofmonoxid um. Beide Substanzen wirken anti-entzündlich. Diese Bakterien senken zudem den pH-Wert. Die Haut wird saurer und kann so andere schädliche Bakterienabwehren.

Diese Erkenntnisse nutzte Aobiome nun für eine neue hautfreundliche Produktlinie „Mothers Dirt“ (Mutters Dreck). Wichtigstes Produkt ist ein Spray mit lebenden ammoniak-oxidierenden Bakterien, welches ganz erfolgreich läuft und ohne viel Werbung schon 9000 Kunden mit guter Presse erreicht hat. Im Prinzip soll man sich täglich mit Bakterien besprühen und weniger waschen. Eine kleine Studie konnte schon zeigen, dass sich das Aussehen der Haut verbessere und die Haut sich besser anfühle.

Im Moment gibt es einige neue Firmen, die Produkte entwickeln, die sich die bessere Balance der Hautflora auf die Fahne schreiben. Zum Beispiel tüftelt in Magdeburg die Firma S-Biomedic an einer komplexen Mischung von Bakterien, die das Ungleichgewicht der Haut beheben soll. In Genf forscht eine Forschergruppe an einem natürlichen Deo. Die Firma ibiotics der Mikrobiologin Christine Lang entwickelt probiotische Kosmetik auf der Basis von Milchsäurebakterien. All das sind spannende Stories – dazu gibt es hier demnächst im Blog noch einen gesonderten Artikel.

Was ist denn nun mit dem Duschen?

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Wie duschen wir richtig? (Quelle: CC Public Domain, Pixabay)

Bleibt noch die Dusch-Frage zu klären. Soll ich weniger duschen oder vielleicht ganz ohne Seife? Ein spannendes Experiment des SWR odysso begleitete die junge Mutter Laura Blumenthal, die drei Wochen nicht mehr täglich duschte. Erlaubt waren nur einmal in der Woche duschen und sonst nur Katzenwäsche. Und es funktioniert!

Ergebnis des Duschexperiments. Nach einer Eingewöhnungszeit wurde der Duschrhythmus normal. Keiner rümpfte die Nase. Nach den drei Wochen hatte Laura sogar zwei neue Bakterienarten auf ihrer Haut – Acinetobacter iwoffii und Pseudomonas stutzeri – das sind Bakterien, die normalerweise in Spuren bei jedem Menschen vorkommen. Hier hatten sie günstige Bedingungen, sich zu vermehren. Diese Bakterien helfen uns, gesund zu bleiben.

Wie duscht man mikrobenfreundlich?

Und auch Hautärzte geben einige Tipps zum richtigen Duschen. (Hans-Georg Dauer, Hautarzt aus Köln und Mitglied im Berufsverband der Deutschen Dermatologen)

Nicht zu heiß duschen: Dies trocknet die Haut unnötig aus und es kommt leicht zu Verletzungen.

Nicht zu oft und zu lange duschen: Es ist nicht nötig täglich zu duschen, es sei denn man schwitzt sehr stark. Dann reicht es aber, sich nur mit Wasser abzubrausen. Sonst quillt die Haut zu stark auf.

Nicht zu viel Duschgel: Parfümierte Seife und Duschgele haben einen stark alkalischen pH-Wert. Damit wird der Säureschutzmantel der Haut angegriffen und Infektionen mit Bakterien, Viren und Pilzen werden Tür und Tor geöffnet. Ein mildes Duschöl ohne Duftstoffe reicht vollkommen aus.

Nicht mit Shampoo den Körper waschen: Shampoos sind für die behaarte Kopfhaut entwickelt worden und trocknen die übrige Haut viel zu stark aus und strapazieren sie.


Kleiner Nachtrag: Antibakterielle Seife in USA vom Markt

Eine positive Nachricht gab es noch während der Recherchen zu diesem Artikel. „USA wirft Keimtöter vom Markt“ – so informierte die Laborwelt am 5.September 2016. Lange gab es Werbung für antibakterielle Seifen, die die ganze Familie vor Krankheitserregern von Infektionen schützen sollte. Doch dieses Bild täuschte gewaltig, wie viele Studien zeigten. Im Gegenteil spielen die Seifen wohl sogar eine Rolle bei der Entstehung multiresistenter Keime. Die US-amerikanische Arznei- und Lebensmittelbehörde hat nun Konsequenzen gezogen und die antibakteriellen Seifen für den Hausgebrauch verboten. Die Studien ergaben, dass herkömmliches Händewaschen genauso gut wirkt, wie das Waschen mit keimtötender Seife. Damit sind nun 19 aktive Inhaltsstoffe vom Markt genommen, darunter z. B. häufig verwendete Inhaltsstoffe wie Triclosan oder Triclocarban. Das Verbot betrifft im Moment nur Seifen, nicht die auch gebräuchlichen Desinfektionsmittel für unterwegs.

Fazit: Also nicht übertreiben mit der Hygiene. Alles zu sterilisieren ist voll retro. Weniger ist auch hier manchmal mehr.

In den Promi-Journalen heißt der neue Trend übrigens „Cleansing Reduction“, dem angeblich auch Sängerin Adele, Schauspielerin Jessica Simpson und der britische Prinz Harry frönen. Die Anhänger dieser Anti-Dusch-Bewegung stellen sich maximal zweimal pro Woche unter die Brause. Ihr Argument: Tägliches Duschen würde gesunde Bakterien wegspülen, die auf unserer Haut leben und Krankheitserreger bekämpfen. Zudem würden der Haut natürliche Fette entzogen, dadurch trockne sie aus.

Na also, wenn die VIP’s schon mitmachen…

Ich kaufe mir auch ein neues Duschöl und überlege, ob ich mal einen Tag mit dem Duschen aussetze!

Mikrobiologische Grüße

Susanne


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Salmonella Typhi – Kein Typ zum Kuscheln!

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Computergenerierte 3D-Darstellung von Salmonella Typhi-Bakterien, die Typhus auslösen. Das flauschige Aussehen der Bakterien entsteht durch die kurzen dünnen Pili an der Oberfläche. Auffällig sind auch die Geißeln, mit denen sich die Bakterien fortbewegen können. Quelle: U.S. Centers for Disease Control and Prevention – Medical Illustrator (CC0)

Mikrobe des Monats 6/2016 :  Es wird Sommer und Salmonellen-Vergiftungen machen wieder regelmäßig Schlagzeilen. Die Medien berichten jedes Jahr in den warmen Monaten über gehäufte Durchfallerkrankungen in Altenheimen oder Krankenhäusern, die durch eine Infektion mit Salmonellen ausgelöst werden. Die Infektionsquelle ist meist in Lebensmitteln zu finden. Besonders gefährlich sind ungekochte Fleischwaren wie Tatar, Hackfleisch, Mettwurst und Huhn sowie Muscheln, Eier, Speiseeis und Mayonnaise. Diese müssen ausreichend gekühlt und innerhalb ein bis zwei Tagen verzehrt werden. Großküchen haben da anscheinend manchmal Probleme oder auch nach Straßen- oder Volksfesten treten gern mal Salmonellen-Vergiftungen auf.

Salmonellen als Überlebenskünstler

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Namensgeber der Salmonellen: Tierarzt Daniel Elmer Salmon (Wikimedia Commons)

Die kleinen, stäbchenförmige Bakterien, die solche Magen-Darm-Infektionen (Salmonellosen) verursachen können sind wahre Überlebenskünstler. Ihr natürlicher Lebensraum ist der Magen-Darm-Trakt von verschiedensten Tieren, seltener auch von Menschen. Sie vermehren sich bei Temperaturen von 10 bis 47 Grad Celcius und können aber auch in der Umwelt, auf verschiedenen Lebensmitteln, in Pflanzen und eingetrocknet für Jahre überleben. Selbst bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sterben sie nicht ab. Abtöten kann man Salmonellen, indem man sie für mindestens zehn Minuten bei über 70 Grad Celsius erhitzt.

Benannt wurden die Bakterien übrigens nach dem US-amerikanischen Tierarzt Daniel Elmer Salmon, der den Erreger der sogenannten „Schweinecholera“ 1885 isolierte.

Viele Typen von Salmonellen

Die Salmonellen bilden eine große Gruppe innerhalb der Bakterien. Für den Durchfall sind fast immer Vertreter der Untergruppe Salmonella (S.) enterica verantwortlich. Unbedingt zu unterscheiden von den hierzulande auftretenden Salmonellen- Infektionen ist der Typhus, der ebenfalls durch Salmonellen hervorgerufen wird (S. Typhi), der bis auf eingeschleppte Reiseinfektionen in Deutschland eine geringe Bedeutung hat. Und um Salmonella Typhi, diesen eher unangenehmen Vertreter der Gattung, geht es hier.

Salmonella Typhi – Von Mensch zu Mensch

Eine Infektion mit S. Typhi erfolgt primär über den Menschen, also durch bereits erkrankte Personen oder sogenannte „Dauerausscheider“ – das sind erkrankte Personen, bei denen das Bakterium nach zehn Wochen immer noch nachweisbar ist. Bei diesen infizierten Personen müssen keine Symptome auftreten. Im Gegensatz zu den harmlosen „Durchfall-Salmonellen“, bei denen eine hohe Infektionsdosis mit 100.000-1.000.000 Bakterien nötig ist, um eine lokale Infektion des Darmes auszulösen, ist bei Salmonella Typhi schon eine bereits geringe Infektionsdosis mit 100-1.000 Erregern ausreichend.

Die Ballade von der „Typhoid Mary“

Der Typhuserreger hat die Eigenschaft, gelegentlich viele Jahre in der Gallenblase oder in den Nieren eines Patienten zu überdauern, der sich schon von der Krankheit erholt hat. Eine solche Person scheidet dann über Jahre hinweg die Mikroben an die Umwelt aus.

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Typhus-Mary in einer Zeitungs-Illustration von 1909 (Gemeinfrei)

In der Geschichte ist so ein unerkannter Fall einer Typhus-Infektion berühmt geworden. Der Fall der leidenschaftlichen Köchin Mary Mallon ist authentisch. Wo immer sie kochte, traten seltsame Todesfälle auf. Man nannte sie „Typhoid Mary („Typhus-Mary“), weil sie zwischen 1900 und 1907 als Köchin in New York 47 Personen mit Typhus infizierte, ohne selbst an den Symptomen der Krankheit zu leiden. Als die Auslöserin einer Typhus-Epidemie war Mary eine klassische Indexpatientin (auch Patient Null).
Den Autor J.F. Federspiel inspirierte die Begebenheit dazu die halberfundene und sehr dramatische Erzählung „ The Ballad of Typhoid Mary“ über eine der berühmtesten Trägerinnen von Salmonella Typhi im Jahre 1982 zu veröffentlichen. Die Geschichte hat auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Antibiotikaresistente Salmonellenstämme

Heute stellen die schweren Infektionen mit Salmonella Typhi wieder eine neue Herausforderung dar. Ihre Behandlung wird immer mehr zu einem Problem. Denn auch Bakterien vom Typ Salmonella haben inzwischen Resistenzen gegen diverse Antibiotika entwickelt. Seit Anfang der 90er Jahre tauchten in Asien und Afrika immer häufiger multiresistente Salmonellenstämme auf, denen die gängigen Antibiotika wie Ampicillin oder Chloramphenicol nichts mehr anhaben konnten. Die WHO empfahl daraufhin, Antibiotika der dritten Generation einzusetzen, wie das Ciprofloxacin aus der Gruppe der Fluorchinolone.

In einer Studie in Ghana untersuchten die Wissenschaftler, ob dieses neue Antibiotikum dort auch bereits Resistenzen ausgelöst hat. Die Ergebnisse der Studie sind eine erste Warnung: In einigen Varianten von Salmonellen konnte eine  verminderte Empfindlichkeit auf Ciprofloxacin nachgewiesen werden; bei einem Serotyp war bereits die Hälfte der Isolate betroffen. Der Typhus-Erreger Salmonella Typhi wies bei diesen Isolaten noch keine verminderte Empfindlichkeit auf. Eine länderübergreifende Untersuchung zeigte aber auch für Salmonella Typhi bereits eine reduzierte Empfindlichkeit für Ciprofloxacin; besonders hoch war das Vorkommen in Kenia. Das wäre insofern bedenklich, als Ciprofloxacin häufiger eingesetzt werden wird, wenn die Kosten sinken, meinten die Forscher. Wenn die Salmonellen im Blut nicht mehr mit den neuen Antibiotika wie Ciprofloxacin in den Griff zu bekommen sind, wäre das ein großes Problem für die betroffenen Länder.

Quelle: Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Über Kommentare oder Ergänzungen freue ich mich…

Mikrobiologische Grüße

Susanne

 


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Ist meine Katze eine Keimschleuder?

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Stubentiger haben viele positive Seiten – können aber auch einige Parasiten, Pilze und multiresistente Keime auf ihre Halter übertragen. (Foto: S. Thiele)

Ich bin nebenberuflich Dosenöffnerin für einen ziemlich cleveren schwarz-weißen Kater namens „Kasper“. Wir Katzenliebhaber teilen eine Menge mit unseren Stubentigern – unser Heim, unser Essen und manche sogar ihr Bett.

Vielen Katzenhaltern ist aber nicht klar, dass mit dem tierischen Mitbewohner auch immer ein Risiko – an Krankheiten zu erkranken – einzieht. Die Vierbeiner können viele Parasiten, Pilze oder multiresistente Keime auf den Halter übertragen.

Im Normalfall sind gesunde Menschen nicht gefährdet, wenn die Tiere angemessen versorgt und die Hygieneregeln eingehalten werden. Das Risiko besteht eher für kleine Kinder bis zu 5 Jahren, kranke oder älteren Menschen ab 65 Jahren und Schwangere (Studie im Canadian Medical Association Journal 2015)

Tiere senken Allergie-Risiko

Zuerst mal die Vorteile: Im Allgemeinen wirken sich Haustiere sogar eher sehr positiv auf unsere Gesundheit aus. Vermutet werden ein Schutz vor Allergien und Atemwegsinfektionen bei Kleinkindern, die z.B. in Haushalten mit einem Hund leben. Es ist bekannt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof von klein an aufgewachsen sind und immer Kontakt zu Tieren hatten, selten an Allergien erkranken.
Von der aufhellenden Wirkung auf unsere Psyche ganz zu schweigen. Nichts entspannt so sehr, wie eine schnurrende, vibrierende Samtpfote auf dem Schoß. Aber sie können eben auch ein paar unschöne Begleiter mitbringen.

Jeder zweite Katzenbiss entzündet sich

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Der Erreger Capnocytophaga canimorsus wird durch Katzen übertragen (Quelle: 2004 Dennis Kunkel Microscopy, Inc.)

Viele Erreger werden durch Katzenbisse oder Kratzer übertragen. Katzen beißen nicht grundlos. 90 Prozent aller Katzenbisse sind Folge einer Provokation schreiben zwei amerikanische Wissenschaftler in den „Archives of Internal Medicine“. Das tückische an Katzenbissen: der Keimcocktail in der Mundflora einer Katze gehört zu den aggressivsten im Tierreich. Die Bakterien-Mixkultur kann von Staphylokokken oder Meningokken reichen. Zu den gefährlichsten Vertretern gehört dabei Capnocytophaga canimorsus, den das Immunsystem nicht erkennt und der bis zum Tode führen kann. Mit den spitzen Zähnen dringen die Keime sehr tief ins Fleisch. Die kleinen Wunden bluten kaum und verschließen sich sehr schnell wieder. Die Bakterien werden regelrecht eingeimpft. Sind Knochen, Sehnen oder Gelenkkapseln getroffen, toben die Erreger auch im Knochenmark. Eine lebensbedrohliche Sepsis droht.
Katzenbisse sollte man deshalb immer sofort ärztlich versorgen lassen und nicht erst bis zum nächsten Morgen warten, bis sich eine dicke Schwellung gebildet hat. In der Arztpraxis wird die Wunde geöffnet und ausgewaschen. Mit einem Antibiotikum ist dann in 1-2 Wochen alles überstanden.

 

Toxoplasmen von der Mäusejagd

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Katzen können Toxoplasma gondii übertragen „Toxoplasma gondii“. Licensed under CC BY 2.5 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Toxoplasma_gondii.jpg#/media/File:Toxoplasma_gondii.jpg

Der Einzeller Toxoplasma gondii kann durch Katzen übertragen werden. Dabei ist eine direkte Infektion aber selten. Viel häufiger gelangen die Gewebezysten durch zu kurz gekochtes Schweinefleisch in den Menschen. Auch Mäuse und Ratten werden als gern als Zwischenwirte genutzt – als typisches Katzenfutter.
Eine Ansteckung beim Menschen ist bei ungenügender Hygiene z.B. bei Reinigung des Katzenklos möglich. Schwangere und ungeborene Kinder sind besonders gefährdet. Der Erreger wird über die Plazenta auf den Fetus übertragen. Fehl- oder Totgeburten oder Behinderung bei Babys sind keine Seltenheit.
Bei Erwachsenen sind Milz- oder Leberbeschwerden sowie Herzmuskelerkrankungen möglich. Bei einer regelmäßigen Reinigung des Katzenklos ist die Übertragung unwahrscheinlich, da die mit dem Kot ausgeschiedenen Oocysten erst ein bis fünf Tage infektiös werden. Wer also routinemäßig täglich das Katzenklo reinigt, wird sich kaum infizieren. Hauskatzen, die keine Mäuse jagen, sind dagegen praktisch nie infiziert.

 

Vorsicht beim Knuddeln

Neben Würmern und Flöhen übertragen Katzen auch noch weitere Bakterien, z.B. wurde Helicobacter heilmannii nachgewiesen, eine Abart des vom Menschen bekannten Gastritis-Erregers – beteiligt an der Entstehung von Magengeschwüren.
Auch Bakterien der Gattung Burkholderia heilmannii, Auslöser einer Erkrankung namens „Rotz“ wurden bei Hunden und Katzen beobachtet. Eine Ansteckung ist auch für den Menschen möglich und führt häufig zum Tode.
Durchfall kann ebenfalls ursächlich auf unseren Stubentiger zurückgehen. Katzen können den Keim Campylobacter jejuni verbreiten. Auch die Übertragung verschiedener Bartonella-Bakterien, die Fieber und schwere Entzündungen hervorrufen, ist bekannt.
Salmonellen werden ebenfalls durch Katzen durch rohes Fleisch oder Trinken aus abgestandenen Wasser in Pfützen aufgenommen und verbreitet. Sogar resistente Erreger, wie ESBL (Extended Spektrum ß-Lactamase produzierendes Escherichia coli) und MRSA (Methicillin – resistenter Staphylococcus aureus) wurden schon nachgewiesen. Das Bakterium Clostridium difficile kann sogar in beide Richtungen Katze – Halter und zurück übertragen werden.
Auch Tollwutgefahr besteht! Die Erkrankung kann durch Rhabdoviren ausgelöst werden, die durch einen Biss, Kratzer oder schon vorhandene Läsionen in den Körper eindringen. Eine Ansteckung zeigt sich durch Unruhe, Kopfschmerzen und Lähmungen. Unbehandelt kann sie nach 4-10 Tagen zum Tode führen.

Mehr Hygiene nötig – wenn die Katze ins Bett darf

Ansonsten hinterlässt die Mieze zwischen den Federbetten außer dem Haaren und Dreck aus dem Fell auch noch ein paar Parasiten, wie Würmer, Flöhe oder Pilze. Über Flohbisse kann sogar Yersinia pestis in den Katzenkörper gelangen. Solche Tiere sind aber schwer krank. Trotzdem konnten in Einzelfällen schon menschliche Pestinfektionen durch Katzen beobachtet werden. Sehr viel häufiger löst die Katze aber Hauterkrankungen aus, etwa bei Befall mit Dermatophyten, Flöhen oder Milben.

Prinzipiell spricht laut aktueller Meinung der Experten aber nichts dagegen, wenn Dein Stubentiger am Fußende des Bettes schlafen darf. Dementsprechend ist die Bettwäsche aber häufiger zu wechseln (empfohlen wöchentlich).

Positive Aspekte der Stubentiger überwiegen

Generell halten die Experten eine Hauskatze jedoch für wenig gefährlich. Beherzigt man einfache Prophylaxe-Maßnahmen wie Hände waschen vor dem Essen, Handschuhe bei der Gartenarbeit tragen (alter Katzenkot), täglich das Katzenklo reinigen und sorgt dazu noch dafür, dass die Mieze regelmäßig geimpft und entwurmt wird, ist das Übertragungsrisiko gering.

Regeln für den vierbeinigen Hausgenossen auf einen Blick:

  1. Hygiene! Regelmäßig Händewaschen nach Tierkontakt
  2. Tägliche Reinigung der Katzentoilette mit Handschuhen
  3. Regelmäßiger Check beim Tierarzt (Impfen, Parasiten)
  4. Katzennäpfe etc. nicht in Küche oder Bad reinigen
  5. Beim Gesicht ablecken – Stelle mit Wasser und Seife reinigen
  6. Kein Haustier bei schwer erkrankten, immungeschwächten Menschen

 

Über Deine Kommentare freue ich mich!

 

Quellen:

Übersichtsartikel im „Canadian Medical Association Journal“

 

 

 

 


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Gute Keime aus dem Wasserhahn

Ein Glas Trinkwasser aus dem Wasserhahn enthält 10 Millionen Bakterien

Ein Glas Trinkwasser aus dem Wasserhahn enthält 10 Millionen Bakterien. Bildquelle: (Roger McLassus) [GFDL http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Unser Trinkwasser ist keinesfalls steril. Das sollte jedem klar sein. Und das obwohl es zu den am besten kontrollierten Lebensmitteln in Deutschland gehört. Bis zu 125 Liter verbraucht jeder Deutsche täglich – laut Statistischem Bundesamt. In einem Glas Leitungswasser tummeln sich etwa 10.000 unerkannte Bakterien, das haben schwedische Forscher von der Lund Universität jetzt entdeckt. Das ist kein Grund zur Sorge oder dafür, nun auf Mineralwasser in Flaschen, Bier oder Kaffee umzustellen. Die Mikroben sind für uns nicht schädlich, sondern sogar nützlich. Aber wie kommen die Mikroorganismen in das Wasser und wieso wird das erst jetzt bekannt?

Strenge Kontrollen für Trinkwasser

Unser Trinkwasser ist in Deutschland sogar sauberer und schadstofffreier als manche Mineralwässer. Aber der Weg vom Meer bis zum Verbraucher ist lang. Das Wasser stammt vom Regen, aus Seen usw. Komplizierte Aufbereitungsverfahren entziehen dem Wasser Schmutz, Keime oder Umweltgifte, damit diese nicht in die Leitungen gelangen (Grenzwerte).Über ein unterirdisches Rohrleitungssystem kommt es in unseren Haushalt und bis in unseren Wasserhahn.
Die Leitungen und Wasserzähler sind ein wunderbares Ökosystem für Bakterien. Die schwedische Forscherin Catherine Paul hat mit ihrem Team jetzt eine völlig unbekannte Organismenwelt in den Leitungen entdeckt, die bisher allen Tests entgangen war.

80.000 Mikroben in einem Milliliter Wasser

„Ein zuvor komplett unbekanntes Ökosystem hat sich uns enthüllt“, sagte Catherine Paul von der Lund Universität.

„Als ob man mit einer statt mit einer funzeligen Taschenlampe plötzlich den Lichtschalter findet, der den Raum erhellt. Früher konnten wir fast gar keine Bakterien sehen, aber jetzt finden wir plötzlich 80.000 Mikroben pro Milliliter Wasser“.

Das Forscherteam hatte Proben aus Belägen an der Innenseite von sechs verschiedenen Trinkwasserleitungen und Wasserzählern untersucht und einer Erbgutuntersuchung, einer DNA-Analyse, unterzogen. Auch welche Arten von Bakterien in den Ablagerungen vorkommen, wurde untersucht, indem bestimmte Abschnitte der ribosomalen RNA verglichen wurden. Und das Ergebnis war überraschend. Etwa 10 Millionen Mikroorganismen nehmen wir mit einem Glas Leitungswasser zu uns. Das erklärt Catherine Paul in diesem Video der Lund Universität.

 

 

Porträt einer Mikrobengemeinschaft in der Röhre

Für die neue Erkenntnis einer wimmelnden Mikrowelt in unseren Wasserleitungen ist eine neue moderne, sehr präzise Sequenziertechnologie verantwortlich – das Next-Generation-Sequencing (NGS). Mikrobiologische Tests von Trinkwasser waren bisher nicht einfach. Weniger als 10 Prozent der Bakterien in Frisch – und Trinkwasser sind überhaupt kultivierbar. Die neue Technologie bietet damit entscheidenden Vorteil. Man braucht die Mikroben nicht mehr zu isolieren und sie auf Agar oder in Nährlösung mühsam anzüchten, um sie später zu identifizieren. Die vollkommen kulturunabhängige NGS-Methode zeigt uns damit ein kompletteres Bild der Mikrobengemeinschaft in den Biofilmen der Leitungen.

„Schleimstädte“ in den Rohrleitungen

Phasen der Entwicklung eines Biofilms,

Phasen der Entwicklung eines Biofilms, Foto: D. Davis – Aus: Looking for Chinks in the Armor of Bacterial Biofilms Monroe D PLoS Biology Vol. 5, No. 11, e307 doi:10.1371/journal.pbio.0050307, Wikipedia / CC BY 2.5

Die meisten Bakterien schwimmen nicht frei als Einzelorganismen im Trinkwasser. Sie stammen aus den Ablagerungen der Rohrleitungen, den sogenannten Biofilmen. Diese Biofilme sind wahre Paradiese für Mikroorganismen!
Die von Schleim umhüllten Kolonien sind besonders widerstandsfähig und robust gegen schädliche Umwelteinflüsse. Mehr als 95 Prozent der Bakterien sitzen als dünne Schicht auf den Oberflächen der Leitungen und Wasserzähler. Mikroben bilden solche „Schleimstädte“ zu ihrem Vorteil als eine symbiotische Lebensgemeinschaft aus Bakterien, Pilzen und auch Algen und Protozoen. Sie nutzen dabei Schutzmechanismen und Stoffwechseleigenschaften der jeweils anderen Spezies aus.

Gutartige Helfer bei der Abwasserreinigung

Die harmlosen Bakterien in den Biofilmen sind kein Grund zur Sorge sagt die Expertin Cathrine Paul: „Wir gehen davon aus, dass es sich vor allem um gute Keime handelt, die dabei helfen, das Trinkwasser zu reinigen und gegen schädliche Keime zu schützen.“ Nach Schätzungen des Forscherteams leben mehr als 1000 verschiedene Bakterien in den Wasserleitungen. Die größte Gruppe der in den Leitungen identifizierten Bakterien sind die Sphingomonadaceae, die auch frei im Boden oder Gewässern vorkommen und dort Schadstoffe abbauen.

Polymicrobic_biofilm_epifluorescence _by Ricardo

Artenreicher Biofilm Epifluorescenzmikroskop (Ricardo Murga and Rodney Donlan – Centers for Disease Control and Prevention Rodney M. Donlan: „Biofilms: Microbial Life on Surfaces“. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons)

Das schwedische Forscherteam vergleicht die Wirkung der Trinkwasser-Bakterien, mit der des Mikrobioms unseres Körpers. Nur mit einer großen Artenvielfalt von Mikroben auf unserer Haut, oder in unserem Darm bleiben wir gesund. Die Bedeutung der Mikroben im Trinkwasser ist wahrscheinlich sogar noch größer als angenommen. Es ist sogar vorstellbar, dass ein großer Teil der Reinigung des Trinkwassers erst in den Rohrleitungen stattfindet. Die Zusammensetzung der Mikrobengemeinschaft in den Biofilmen kann außerdem ein Anzeiger für die Wasserqualität sein. Die schwedischen Forscher stellten in rostigen Wasserleitungen mit stark eisenhaltigem Wasser eine signifikant andere Artenzusammensetzung fest. Die Analyse der Bakterien könnte dazu beitragen, potenziell problematische Wassermängel zu erkennen.

Zukunftsvision für gesünderes Trinkwasser

Die Forscher der Universität Lund hoffen sogar, eines Tages die Qualität des Wassers so zu steuern, dass gute Bakterien in den Leitungen begünstigt werden, die das Wasser noch effizienter reinigen. Ziel der Wissenschaftler ist es, diese nutzbringenden und für die Wassereigenschaften hilfreichen Keimarten gilt es herauszufinden und Wege zu ihrer Vermehrung zu entwickeln.

Das ist aber noch ein langer Weg. Biofilme sind aber in ihrer Komplexität von den Experten noch nicht gut verstanden. Die Zahl der Einflussfaktoren auf die Zusammensetzung und das Wachstumsverhalten von Biofilmen ist vielfältig: pH-Wert, Temperatur, Chlorgehalt – und nicht zuletzt das Nahrungsangebot für die Mikroben. Auch Oberflächen können eine Rolle für die Entwicklung von Populationen von Keimen spielen. Bakterien können zum Beispiel aus Gummidichtungen Nährstoffe beziehen.

Wasserversorger halten das Trinkwasser heute eher nährstoffarm. Die harmlosen Bakterien sind an diese Bedingungen gut angepasst. Darmbakterien etwa brauchen einen „viel reichhaltiger gedeckten Tisch“ und gehen deshalb ein. Die Nährstoffknappheit sorgt dafür, dass krankheitserregende Keime absterben und gesundes, so genanntes „stabiles“ Trinkwasser entsteht. Dieses Erfolgsrezept ist besser als das in den USA verwendete Verfahren, wo Wasser gechlort wird.

Unerwünschte Keime im Trinkwasser

Trotzdem kommt im Trinkwasser auch immer wieder unerwünschte und mitunter gefährliche Keimbesiedlung vor. Gesundheitlich bedenklich wird es immer dann, wenn die Menge und die Art der Keime nicht mehr zu dem „Mikrokosmos Mensch“ passen.
Infektionen mit Legionellen können bei Menschen mit einem bereits geschwächten Immunsystem zur „Legionärskrankheit“ führen, einer Lungenentzündung mit hohem Fieber und grippeähnlichen Symptomen. Die Bakterien sind aber für gesunde Menschen ungefährlich.
Doch nicht nur Legionellen als „wasserliebende Bakterien“ können schwerwiegende Infektionen verursachen, auch koliforme Keime („Darmbakterien“) oder Pseudomonaden (z.B. Pseudomona aeruginosa) sind häufig in Trinkwassersystemen zu finden und können, je nach Menge, unsere Gesundheit erheblich beeinträchtigen.

Tipps für Haushalte:

  1. Wasser zu verbrauchen ist einer der wichtigsten Ratschläge von Experten für den eigenen Haushalt, um damit die Keimzahl zu verringern. Wenn Wasser zulange in der Leitung steht, wie z.B. nach einem Urlaub oder einem lange unbenutzten Wasserhahn, können sich unerwünschte Bakterien leichter vermehren (bereits 3-4 Tage können dafür reichen). Deshalb anschließend das Wasser lange laufen lassen!
  2. Warmwasserregler richtig heiß stellen. Das ist zwar nicht unbedingt energiesparender, aber hygienischer.
  3. Warmwasserspeicher sollten regelmäßig gewartet werden, um Kalk und Schlammablagerungen gering zu halten.
  4. Als langfristige Maßnahmen sollte man bei Wasserinstallationen in moderne und zertifizierte Materialien investieren, um die Bildung von Biofilmen und damit die Keimbesiedlung zu minimieren. Verordnungen

Infos dazu vom Umweltbundesamt:
http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/ratgeber-trink-was-trinkwasser-aus-Hahn

 

Quellen:

Press release Lund University: ATCH: Our water pipes crawl with millions of bacteria

Originalartikel: Bacterial Community Analysis of Drinking Water Biofilms in Southern Sweden

Wie gut ist unser Trinkwasser? (ZDF Portal)

Webseite des AK Trinkwasserinstallation und Hygiene

 

Wie immer freue ich mich über Deine Ergänzungen und Kommentare!

 

 


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Weihnachtsgans nicht duschen!

Christmas-goose-(Weihnachtsgans)_1_Jürgen Hohwald

Gesunde Weihnachtsgans (Quelle: Jürgen Howaldt)

In wenigen Wochen ist Weihnachten. Dazu gehört der knusprige Gänse- oder Entenbraten mit Füllung, Knödel und Rotkraut. Aber Vorsicht! Schon beim Zubereiten des Geflügels gibt es auch aus mikrobiologischer Sicht einiges zu beachten, wenn man seine gesamte angereiste Familie nicht über die Feierlichkeiten mit Übelkeit lahmlegen möchte.

So wurde nämlich in den USA regelmäßig eine Welle von Infektionen nach den typischen im November liegenden Thanksgiving-Essen beobachtet. Das traditionelle Truthahnessen entpuppte sich als äußerst kritischer Feiertag. Erst wurde der Vogel gefüllt und danach füllten sich Arztpraxen und Kliniken. Was war die Ursache?

Hinter der Infektionswelle steckte die seit Ewigkeiten übliche Praxis der meisten Menschen, ihr Geflügel vor der Zubereitung sorgfältig abzuwaschen. Damit soll das Federvieh vor dem Verzehr von Schmutz oder Keimen befreit werden. Das funktioniert aber leider nicht! Zumindest nicht in Sachen Hygiene.

Keime wie Salmonellen und Campylobacter, die auf dem rohen Geflügelfleisch sitzen, werden durch die ausgiebige Wasserdusche nur sehr effektiv in der Küche verteilt. Kleine Wassertropfen spritzen vom Fleisch weg und landen auf Arbeitsflächen, Küchenutensilien oder auch auf der Kleidung. So können Keime in Essen gelangen, welches später nicht abgekocht wird, wie z.B. Salat. Alles was in einem Umkreis von 80 Zentimetern bis zu drei Metern von der Spüle entfernt ist, kann getroffen werden. Mach Dir die Mühe und prüfe mal mit einem Maßband, welche Gegenstände in Deiner Küche alle erreichbar sind.

Schon ein einziger Tropfen Saft von rohem Geflügel kann genügend Bakterien enthalten, um eine Lebensmittelvergiftung zu verursachen. Und das kann bei Campylobacter, dem König der Durchfallerreger, ganz schön unangenehm werden. In Deutschland gehen jedes Jahr 70.000 Lebensmittelvergiftungen auf sein Konto. Erste Symptome treten meist drei bis vier Tage nach der Infektion auf. Dazu gehören Durchfall, Bauchkrämpfe, Brechreiz, Fieber und Kopfschmerzen. Im Normalfall kann die Krankheit zuhause auskuriert werden. Aber gerade für Menschen mit einem schwachen Immunsystem, Schwangere, ältere Menschen und Kinder unter fünf Jahren können solche Infektionen sogar lebensbedrohlich werden. Die Bakterien verteilen sich über den Blutstrom und können Nervenerkrankungen und Gelenkentzündungen auslösen.

Also auch wenn Dir Tim Mälzer, Sarah Wiener, Alfons Schubeck oder Frau Poletto in ihren Starkoch-Rezepten immer wieder vorschlagen Deinen Vogel gründlich abzuwaschen – es bleibt ein weitverbreiteter Irrtum! In den Familien werden die Rezepte oft von der Oma an die Tochter und heute an die kochbegeisterte Enkelin oder den Enkel weitergeben. Man bezeichnet die Infektionen, die zwangsläufig dadurch verursacht werden, auch als „Alte Damen-Krankheit“. Damit ist das althergebrachte Waschen von Geflügel auch Stoff für einen Generationskonflikt.

In den USA startete deshalb sogar eine Aufklärungskampagne „Don’t wash your chicken“ geleitet von der US-amerikanischen Ernährungswissenschaftlerin Jennifer Quinlan. Die Kampagne entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Drexel Universität in Philadelphia. Die Wissenschaftlerin schätzte, dass etwa 90 Prozent der US-Bürger ihr Fleisch zuerst abwaschen, bevor sie es in die Pfanne oder in den Ofen legen. Mit Youtube-Clips und Fotostorys geht sie gegen die Unsitte des Abwasches von rohem Geflügel vor, informiert und klärt auf. Wie durch eine Lupe sieht man in der „Germ-Vision“ der Animation, wie sich die sonst unsichtbaren Keime verteilen.

 

Etwas Hygiene hilft im Kampf gegen die Keime. Hier die wichtigsten Tipps im Umgang mit rohem Geflügel:

  1. Rohes Geflügel im Kühlschrank unten lagern, damit der Geflügelsaft nicht weitere Lebensmittel kontaminiert.
  2. Die Kühlschranktemperatur sollte 5 Grad Celsius nicht überschreiten.
  3. Rohes Geflügel nicht waschen. Die Keime werden nicht entfernt, nur weiterverbreitet.
  4. Geflügelfleisch sofort in den Bräter, Pfanne oder Ofen. Durchgaren bis kein rosafarbenes Fleisch mehr sichtbar ist. Der Geflügelsaft sollte klar sein.
  5. Kochutensilien sorgfältig reinigen. Kein Kochbesteck weiterverwenden, welches vorher für rohes Fleisch eingesetzt wurden.

 

Quelle: Food Standards Agency

Und zum Schluss noch etwas Geschichte zur Entstehung des klassischen Gänsebratens zum Weihnachtsfest. Die englische Königin Elisabeth I. soll für das populärste Weihnachtsessen in Europa verantwortlich sein. „The Virgin Queen“ aß schon im Jahre 1588 zu Weihnachten Gänsebraten als ihr die frohe Nachricht überbracht wurde, dass die Spanische Armada vernichtend geschlagen wurde. Aus Freude über den wichtigen Sieg und als gutes Omen soll sie daraufhin die Gans zum offiziellen Weihnachtsbraten erklärte haben (Quelle: Gourmet Globe).

 

Ein schönes und gesundes Weihnachten wünsche ich Dir!